Sie haben Ja gesagt.

„Wir freuen uns Ihnen mitteilen zu können…“

Ab August bin ich Referendar.

Möge die Übung gelingen.

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Checkliste Phase 2

Lehrer werden in 3 Schritten:

Phase 1: B.Sc.         check
Phase 2: M.Ed.        check
Phase 3: Ref             todo

Phase 2 abgeschlossen. Beworben für Phase 3.

6-Jahresplan zum Lehrer: läuft.

Back in Bunt

„Und damit beschließt das Gericht, das die Adoption hier mit abgeschlossen und der Geburtsnamen der Kinder ab heute geändert ist.“

Ich schlucke. Mit einem einfachen Satz hat eine Richterin Geschichte geändert. Ab heute waren wir offensichtlich hochschwanger in einer Gegend, in die Frau Grade und ich nicht mal in unserer abenteuerlustigsten Zeit im Vollsuff gefahren wären. Und hätten da ein Kind bekommen. Und 2 Jahre später, das gleiche nochmal.

Und die Kinder haben jetzt Mama und Papa, die an totaler Stillamnesie leiden. Wir können uns bei beiden einfach nicht daran erinnern, wie sie in der Wiege lagen und nach Milch geschrien haben.

Geschichte hat sich verändert. Unsere, ihre. Egal wo sie hingehen, was sie machen, es werden immer schon unsere Kinder gewesen sein.

„Sie bekommen das Urteil dann per Post. Ich wünsche Ihnen als Familie viel Glück.“

Wir stehen draußen, der Termin hat keine 15 Minuten gedauert. Jetzt sind wir eine Familie, mit einem Namen.

Die Didaktik nach Wong

Unser Professor für Gesellschaft und Didaktik der Informatik (naja, der Lehrstuhl heißt anders, aber es beschreibt die thematische Restekiste der Fakultät, die er zu bearbeiten hat) ist ein sehr studierendenzugewandter, offener und gesprächsbereiter Mensch. Er kann gut zuhören und vermittelt das Gefühl, Studierende in ihren Problematiken ernst zu nehmen und konstruktiv zu unterstützen. Seine Veranstaltungen sind wirklich interessant und aktivierend gestaltet, er vertritt seine Konzepte authentisch und kann auch sehr begeistert ins Fachsimpeln im Gamerjargon geraten.

Aber es geht hier nicht um ihn, sondern um den Doktor, der alle Veranstaltungen der Didaktik hält.

Ich nenne ihn hier einmal Dr. Wong.

Dr. Wongs Eltern kamen offensichtlich vor vielen Jahren von weit her. Er selbst hat in einem fernen Land seine Kindheit verbracht und an der dortigen Uni Informatik studiert und promoviert: Hamburg. Sein Deutsch ist leider etwas holperig, so das man als Lehramtsstudent manchmal auf die Erkenntnisse der Veranstaltung „Deutsch als Zweitsprache“ zurückgreifen muss, um Geduld und Verständnis für Kommunikationsprobleme aufzubringen.

Genaugenommen fühle ich mich absolut unverstanden. Ich bin jetzt nicht auf den Mund gefallen und hab auch reichlich Kommunikationstraining genossen, aber gegen Dr. Wong zu argumentieren ist frustrierend: Entweder er starrt einen ausdruckslos (er schaut immer ausdruckslos) an und wendet sich dann abrupt dem nächsten zu oder er antwortet zu einem Themenkomplex, der aktuell kein Thema ist. Während in anderen Didaktiken Wert auf die Art gelegt wird, wie man Feedback gibt, wie man auf SuS Beiträge reagiert, oder generell wie man sich als Lehrkraft im Lernraum gibt: In der Didaktik nach Wong spielt das alles keine Rolle.

Informatik ist schnelllebig. Der Hype von heute ist der Ramsch von morgen. Es besteht daher noch viel stärker als in anderen Fächern die Notwendigkeit, Inhalte auf Überalterung und Langlebigkeit zu prüfen. Es stellt sich also die Frage ob man

  • praktische Kenntnisse zu MS Word vermittelt, auch wenn diese mit der nächsten Version vielleicht schon obsolet werden könnten,
  • oder ob man zeitloses Grundkonzepte der Textverarbeitung unterrichtet, aus der Idee heraus, dass damit die SuS zwar konkret sofort nichts anfangen können, sie sich dafür aber in Zukunft in jede Textverarbeitung eindenken können.

In der Didaktik nach Wong gibt es nur die zweite Variante, die aber in der reinen Lehre der hohen universitären Abstraktion, da Themen der Motivation und Emotionalität von Lernen hier nicht existieren. Mein Einwand, dass damit sowohl SuS aus den Informatik-Wahlfächern vertrieben (ist ja nicht überall Pflicht), durch das Ausbleiben von zeitnahen Erfolgserlebnissen frustriert und für die Zukunft nicht für das Fach begeistert sondern erst abgeschreckt werden würden, wurde in der korrekten Anwendung der Didaktik nach Wong durch Anstarren und spontanen Themenwechsel akademisch vollständig bearbeitet.

Dr. Wong hat sein Didaktikkonzept sehr gut ausgearbeitet und verinnerlicht. Er hat ihm sein Leben gewidmet und dafür auch auf jegliche praktische Unterrichtstätigkeit an Schulen verzichtet. Laut eigenem Bekunden hat er durchaus mal für eine Informationswoche „MINT-Fächer für Mädchen“ vor Schülerinnen gestanden, zumindest bis sein Chef ihn am 2. Tag durch eine Kollegin ersetzte.

Die Didaktik nach Wong basiert auf Ideen des Konstruktivismus. Die SuS erarbeiten sich ihre Inhalte selbst, in dem sie in einem analysebasierenden Ansatz bestehende Programme lesen und interpretieren, nur wenn noch Zeit ist, darf auch selbst programmiert werden. Durch konsequentes Abstimmen lassen, ob im Lehrervortrag präsentierte Inhalte auf Interesse stoßen oder weggelassen werden können, wird eine intensive Schülerzentrierung geschaffen.

Die Konzepte der Didaktik nach Wong sind alternativlos und im Unterricht unbedingt umzusetzen. Natürlich nicht im Seminar selbst, dort weicht der Konstuktivismus einer konkreten und sauber definierten Aufgabenabarbeitung (die in ihrem Umfang jedoch nicht Eingang in die moderne Leistungspunktberechnung genannt Modulhandbuch findet).

Dr. Wong leitet alle Veranstaltungen und Seminare für Lehrämtler, auch hospitiert er die Praktika. Ich werde daher noch viele Lehreinheiten in der Didaktik nach Wong genießen. Außer vielleicht im Praktikum, Gerüchten nach lässt er seine betreuten Studierenden sich gegenseitig hospitieren und widmet sich der theoretischen Forschung am Lehrstuhl.

Ich wäre darüber nicht traurig.

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Ich will hier raus.

Life Reset

Ich wollte soviel schreiben:

  • über die SuS, die freiwillig total tolle Kursbeschreibungen für die Schulwebsite verfasst haben,
  • über die Schülerin, die ich das ganze Jahr über nur im Halbprofil gesehen hab, weil sie aktive Unterrichtsverweigerung betrieb und nur am Quatschen war. Sie kam 1 Monat vor Ende zu mir, entschuldigte sich kleinlaut, dass sie ein echt mieses Jahr hatte und bot an eine Hausarbeit zu schreiben. Sie lieferte mir eine Hausarbeit von 14 Seiten auf Uni-Niveau über Psychologie in der Popmusik mit einer beeindruckenden Sprachkompetenz und sehr tiefer Selbstreflektion und rettete damit ihre 4.
  • über den Lehrerzimmerwahnsinn, der 3 Wochen vor Ende grassierte,
  • über die letzte Klausur meines Bachelors, 2,5 Stunden Algorithmen und Datenstrukturen, die ich in völlig übermüdet, mit ca. 10 Stunden Vorbereitung und einem angebrochenem Zeh geschrieben und mit 2,7 bestanden habe während 35% durchgefallen sind,
  • das ich den Bachelor bestanden und jetzt in den Master of Education gehe, in der Hoffnung endlich Hausarbeiten über spannende Themen zu schreiben und nicht Klausuren über Sortieralgorithmen
  • und sovieles mehr.

Aber das habe ich alles nicht getan.

Ich sass total unprosaisch auf dem Klo als der Anruf vom Jugendamt kam.

Das war vor 4 Wochen.

Jetzt toben hier 2 Kinder durch das Haus, 3 und 1 Jahr alt, von Eltern, die mit ihrem eigenen Leben schon überfordert waren.

Und neben Lehrer im Sekundarbereich und Student im akademischen Bereich habe ich jetzt auch noch die Rolle als Papa im Elementarbereich.

Aber es füllt eine Lücke. Dafür haben Frau Grade und ich irgendwie immer Platz freigehalten.

Life reset. Alles neu.

Weiter gehts.

Falsch abgebogen

„Guten Morgen!!“

Alex hat gute Laune. Strahlen kommt er reingeschlendert, wirft seine Tasche in die Ecke und setzt sich. Und das an einem Montag zur 1. Stunde.

„Haben Sie gut geschlafen?“

Ich bin irritiert. Alex ist normalerweise nicht so gut drauf. Er ist war einer meiner Sorgenkinder. Immer verpeilt, immer abgelenkt, nie motiviert, fragt regelmäßig was wir eigentlich grad machen, braucht jede Aufgabenstellung nochmal extra erklärt, weil die Konzentration nicht da ist. Halbjahresnote 4—–. Aber 3 Monate vor Toreschluss scheint er wach geworden zu sein, die mündlichen Beiträge wurden deutlichst(stst) mehr und besser, seine Testnoten verbesserten sich von 5 auf 2 (und ja…. ich habe ihn einzeln gesetzt und mit der Lupe überwacht… er hat garantiert nicht geschummelt sondern ehrlich seinen eigenen Kopf genutzt) und er fragt nur noch jede 2 Woche, was wir eigentlich grad machen. Also für seine Verhältnisse: Aktiv und motiviert dabei. Und jetzt sitzt er da, strahlte mich gutgelaunt an und beäugt mein Beamer, den ich grad aufbau.

„Schauen wir den Film weiter?“

„Ne, Alex, den schauen wir doch in Psychologie. Das hier ist Wirtschaft.“

Er nickt, sein Kopf sortiert diese Unmenge an Informationen. Ich fahr meinen Rechner hoch. Die nächsten Schüler kommen verschlafen in den Raum. Alex blödelt mit einem Kumpel. Einer der Reinkommenden bleibt stehen und starrt den blonden Wirrkopf an.

„Ey Alex, Alter, warum bist du denn hier?“

„Hä? Schulpflicht!“ (Gelächter aufgrund des coolen Konters)

„Alex du Schnarchnase… du bist doch überhauptnicht in diesem Kurs…“

„Äh… nicht? (verwirrter Blick, alle nicken, er schaut mich an) Herr Quer… das hätten Sie mir sagen müssen!!“

Ich zucke mit den Achseln. „Alex, ich hab dir gesagt, dass das hier Wirtschaft ist und nicht Psychologie. Du hast Wirtschaft überhaupt nicht belegt, solltest du langsam draufhaben, immerhin ist in 3 Wochen das Schuljahr vorbei.“

Alex ist nicht schockiert, er hat Übung im Konfus sein. Mit einem lockeren Spruch und unter allgemeinem Gelächter geht Alex dann mal seinen echten Kurs suchen.

Ein verpeilter Wirrkopf. Aber einer mit ner 3 von mir im Zeugnis.