Kaltes Wasser

Donnerstag

Frau Grade ruft mich an. Sie ist grad an einer Schule und stellt sich für eine feste Stelle vor. Referendariat ist vorbei, der Ernst des Lebens ruft. An der Schule wird das wohl nichts werden, aber sie wurde gefragt, ob sie nicht jemand kenne, der so ein bisschen Psychologie… ?

Freitag

Ich schüttel dem stellvertretenden Schulleiter die Hand. Ein privates Gymnasium, etwas abgelegen, mit Psychologie als Grund- und Leistungskurs in der Oberstufe und Einführungs- und Wahlpflichtkursen in der 9. und 10. Klasse. Und: mit einem akuten Mangel an Lehrkräften eben für die Sekundarstufe I, da eine Lehrkraft mitten im Schuljahr ausgefallen ist. „Trennung im gegenseitigen Einvernehmen“. Ich kenne diese Formulierung aus der Wirtschaft, ich frag nicht weiter.

Ich schüttel dem Schulleiter die Hand. Hochschulzeugnisse werden geblättert, Konzepte erläutert, über die zuständige Landesschulbehörde philosophiert. Einer Lehrbefähigung in Psychologie für die Sek. I stehen keine bürokratischen Hindernisse im Weg, also wollen Sie…? Ja, ich will.

Samstag

Mein Rechner ist um Unmengen an Dateien reicher, Rahmenlehrplan, Schullehrpläne, Dienstanweisungen, Konferenzprotokolle, Stundenplan, Vorlagen für Arbeitsbögen, rudimentäre Unterrichtsideen, Ordnerstrukturen. Dazu kommen auf meinem Schreibtisch Stapel an Büchern, die Frau Grade als hilfreich erachtet.

Sonntag

Unterrichtsentwürfe für Psychologie sind rare Wesen. Also heisst es selbstbasteln und hoffen, das nach 2 Jahren Unterrichtsentwürfe korrekturlesen und Abendbrotgesprächen über die Gestaltung von Lernsituationen zumindestens genug hängen geblieben ist, um im Bildungssektor überleben zu können.

Montag

„Hallo, ich bin Herr Quer und ab sofort euer neuer Psychologielehrer…“
Die 3 vorne quatschen noch kurz das Wochenende durch, hinten hat einer die Kopfhörer in den Ohren und die Mädels vorne links bürsten sich hingebungsvoll gegenseitig die Haare (soll ja beziehungsstärkend wirken). Ein schlacksiger junger Mann wandert seelenruhig und mich ignorierend durch die Klasse, um in Zeitlupe sein Taschentuch in den Papierkorb zu bringen und sich die Hände zu waschen.

Ich habe eine grobe Vorstellung, wieso die Schulleitung eine „Trennung im gegenseitigen Einvernehmen“ eingeleitet hat.

Kaltes Wasser kann sehr kalt sein.

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