Mittelstufenromantik

Es klingelt, Klassentüren fliegen auf und die beiden Verliebten liegen sich nach endlosen 45 Minuten wieder in den Armen. Assoziationen zu Saugbarschen drängen sich auf, denn es wird mit vollem Körper- und Zungeneinsatz geknutscht. Liebe in der 10. ist gnadenlos egoistisch. Ich sehe meine Mädels die Augen verdrehen und schließe vor soviel brachialer Romantik im Flur diskret die Klassentür, damit zumindest meine Klasse eine Auszeit davon hat. Die Mädchen danken es mir mit einem Nicken, sie ertragen diese Liebe nun schon seit Wochen und sind sichtlich genervt. Nachvollziehbar, denn das Pärchen lässt wirklich nichts aus um zu zeigen: „Seht her, wir sind ein Paar!„, inklusive demonstratives Knutschen in der Mensa, Hände an Orten, wo sie in einer Schule nicht hingehören und plakative Besitzmarkierungsgesten, wenn Freunde dazukommen. Liebe in der 10.

Der Gegenentwurf sitzt an einem Tisch rechts am Fenster. Stunde für Stunde rückten Köpfe immer näher, wurde mehr gemeinsam gelacht, wurden Blicke intensiver. Ich konnte quasi beim Zusammenfinden zusehen und irgendwann waren die magischen Worte anscheinend gesagt und in einem privaten Moment hielten sich zwei Hände unter dem Tisch ganz doll fest. Ansonsten arbeiten beide konzentriert mit und miteinander und lassen alles Private in der Pause.  Bis auf neulich, ich war etwas früher fertig mit meinem Stoff und klärte noch organisatorisches mit einer Schülerin. Als ich mich umdrehte hatte sie sich zur Seite auf seinen Schoß sinken lassen, himmelte ihn von unten an, während er ihr mit einer verliebten Geste die Haare aus der Stirn strich. An sich ein schöner, ruhiger und inniger Moment, leider in einer vollen Klasse in den letzten Minuten vor dem Klingeln. Ich räusperte mich und sie sprang auf, knallrot: „Ähhh… ich dachte es wäre schon Pause!„. Liebe in der 10.

p.s.

Stundenende in der 9. Die Bande tobt raus, ein Mädchen schlender langsam hinterher. Sie wirkt genervt und ich spreche sie drauf an (als Psychologielehrer seh ich mich auch als möglicher Gesprächspartner). Ach, es sei doch alles blöd, die Jungs ihrer Klasse wären alle total kindisch und hielten Mädchen generell für ne doofe Erfindung. Auf ihrer alten Schule (sie ist zu Beginn des Schuljahres zu uns gewechselt) wäre das ganz anders gewesen, da waren die Jungs viel netter. Ich unterdrücke ein Schmunzeln und versichere ihr, das sich das auch hier noch geben wird und die Jungs dann sehr viel Interesse an Mädchen entwickeln würden. Sie wirkt erleichtert und dreht sich beim rausgehen noch einmal um: „Aber wenn die Jungs nächstes Schuljahr immer noch so doof zu uns Mädchen sind, dann beschwer ich mich bei Ihnen!

Ich glaub, ich muss mir da keine Sorgen machen.

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1 Kommentar

  1. Ach, das erinnert mich ja direkt mal wieder an meine Oberstufenzeit. Ich war nie so ein Schulpärchenmensch, Gott sei Dank. Bei manchen Leuten hat man sich echt gefragt, ob man ihnen nicht anbieten sollte, sich irgendwo zurückzuziehen… 😉
    Jedenfalls 2 Erinnerungen, Erdkunde-LK, die Lehrerin kommt rein, schenkt den Stufenpärchen nicht einen Blick und sagt total nebenbei: „Fummeln unterbrechen, Hände voneinander, wir machen jetzt Unterricht!“ :mrgreen:
    Die andere Erinnerung ist weniger amüsant, eher unangenehm: Im Mathe-Kurs hat es sich der Lehrer zum Spaß gemacht, unseres Pärchens wegen immer zweideutige Witze einzubauen. Ich sag‘ nur „Kurvendiskussion“, das Wort an sich oder im Zuge dessen bspw.: „Da ist die Frage, wer oben und wer unten ist. Leon, Sophia, das kennen Sie ja, oder?“ …

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