Realität vs. Elfenbeinturm

Freitag abend: 4h Blockseminar der Uni. Thema: Irgendwas mit Sprache und Lehrern.

Das Seminar hat mir bisher lebhaft vor Augen geführt, das ich absolut so garnichtüberhauptniemalsnicht sprachenbegabt war, bin und sein werde, dass das Futur 2 vermutlich aussterben wird, ohne das ich es jemals bewusst wahrgenommen habe und das für Schüler nichtdeutscher Muttersprache ein deutsprachiger Unterricht wirklich schwer ist.

In dieser Seminarreihe treffen sich so ziemlich alle Lehramtsstudierenden, von Grundschul-, -Berufsschul- bis zum gymnasialen Lehramt und dazu noch Sonderpädagogen, quer über alle Fächer hinweg, egal ob Musik, Mathematik, Wirtschaft oder Sprachen. Schlichtweg: Alle.

So auch am Freitag. Am Fenster sitzen die alten Säcke und Sackinnen, Berufsschul- und Sonderpädagogikleute, alle Ü30, alle vom Leben leicht zerknittert, alle mit einer länglichen und krummen Berufs- und Bildungsbiographie, Familie und einem gerüttelt Maß an Lebenserfahrung und Abgeklärtheit. Auf der anderen Seite an der Wand sind die jungen Hüpfer versammelt, grade voller Stolz aus der Schule raus, hübsch zurecht gemacht, in dem neuen und aufregendem Mikrokosmos Universität. Während der obligatorischen Referate starrt die die Fensterfront schweigend in ihre Kaffeebecher, während an der Wandfront tuschelnd die Ergebnisse und Bekanntschaften der Woche ausgetauscht werden.

Das aktuelle Referat zum Thema „Sprachkompetenzprofilbildung“ endet mit dem Hinweis, das Sprachstandseinschätzungen aller Schüler zwar eine wichtige Sache sind, aber vermutlich in einem vollen Lehrerplan nur bedingt Platz findet, besonders bei Fach-und-nicht-Sprachen-Lehrern. Und dann kommt Dynamik in die Situation:

An der Wandseite mündet heiliger Zorn in einen flammenden Widerspruch zu dieser These: So eine Ansicht sei ja total unfair den nichtdeutschen Muttersprachlern gegenüber, eine häufige und individuelle Sprachstandserhebung sein nun mal die zwingende Grundvorraussetzung für jede Stunde ganz individuelle und angepasste Aufgaben und Stundenentwürfe zu machen, um jedes Kind individuell zu fördern. Mit Stirnfalten der Entrüstung endet die Rede in der Aufforderung doch den Lehrerberuf ernster zu nehmen. Allgemeines Kopfnicken an der Wandfront.

Soviel Emotion bleibt nicht ohne Reaktion: Eine Sonderpädagogin (Ü40, ehemalige Schulsekretärin mit mit arabischem Hintergrund) erhebt das Wort, würdigt die Ambitionen und Visionen der Sprecherin und kommt dann in Wallung: Naiv sei diese Ansicht und völlig weltfremd, in festgefahrenen und überalterten Kollegien sei sowas nahezu unmöglich umzusetzen, sie verweist auf enge Lehrpläne und an jeder Ecke fehlende Zeit, um bei 300 Schülern im Halbjahr mit jedem eine Stunde Sprachstandserhebung zu machen, geschweige denn für ca. 50% der Schüler individuelle und angepasste Stundenentwürfe zu entwickeln. Ihre Erfahrungen aus Schulsekretariat, Praktikum und PKB zeigen, das die Realität nur wenig Gnade für gutgemeinte pädagogische Ideen hat. Allgemeines Kopfnicken an der Fensterfront.

Die Wandfront ist sichtlich erstaunt und leicht geschockt von der Vehemenz der Antwort, steht sie doch auch im Widerspruch zu den in Vorlesung und Seminar vermittelten Erkenntnissen, was aus akademischer Sicht richtig, wahr, edel und gut sei.  Während die Sonderpädagogin mühselig versucht sich wieder einzufangen, formuliert die Wandfront deutlich geknickt: „Es mag ja sein, das wir naiv sind, aber lasst uns doch die Illusionen, ihr müsst sie ja nicht gleich im 1. Semester kaputt machen.“

graue Realität und lichter Elfenbeinturm. Ich fürchte dieser Konflikt wird sich noch die nächsten Jahre durchziehen.

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3 Kommentare

  1. Öhm, das mit der Naivität am Ende formuliert eher die Wandfront, oder?

    Hach, gut geschrieben! Ein bisschen erstaunt bin ich, dass die jungen Studis diesen Idealismusquatsch, den sie in ihren Psychologieseminaren um die Ohren gehauen bekommen, scheinbar tatsächlich glauben. Bei uns gab es nur ganz wenige, die da heftig nickend dabei waren, der Rest (mein näheres Umfeld und mich eingeschlossen) hat sich aufgeregt, dass das mega realitätsfremd ist und sich gefragt, wann die Dozenten das letzte Mal eine Schule von innen gesehen haben. Hm.

    Ja, so einfach ist das alles leider nicht. Und in der Realität ist außerdem viel zu wenig Zeit für all die netten und gutgemeinten pädagogischen Kühe, die durchs Dorf getrieben werden.
    Ist manchmal schade, aber so ist es eben.

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      • „Migrationsbiographie“? :mrgreen: Das ist mir neu! Hach, die political correctness entwickelt sich eben ständig weiter und nichts ist mehr korrekt genug. 😉 So ein Stuss.
        Ja, die Leute, die nebenher auch noch als Lehrer tätig sind, haben da eine weitaus realististischere Sicht auf die Dinge, Gott sei Dank. Aber die reinen Uniprofs, die einem was davon erzählen, wie schlecht und böse Frontalunterricht ist und dass der Lehrer eigentlich nur noch im Hintergrund „Coach“ sein sollte, während die Schülerlein alle ganz fleißig und selbstständig sich die Dinge erarbeiten und aneignen, naja, die nerven einfach nur.

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