Man wird sich ja nochmal wundern dürfen…

Könnten Sie…?

Na klar kann ich bei einem Wirtschaftskurs in der 11. Klausuraufsicht machen. Die SuS schreiben vor sich hin, keine besonderen Vorkommnisse.

Also nehm ich mir mal neugierigerweise die Klausuraufgabe: „Beschreiben Sie die im folgenden Artikel angesprochenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen und erläutern Sie die dargestellten Konsequenzen.“ Irgendwie so war die Aufgabe, nichts wildes, Text lesen, verstehen, weiterdenken. Dann lese ich mir den Artikel durch und bin irritiert: Es ist eine irgendwie andere Darstellung von Wirtschaftspolitik, seltsam polemisch geschrieben, mit offenen und suggestiven Frage und Konsequenzen, auf die ich als studierter 240creditpoints-Hai (mit Studienschwerpunkt Wirtschaftspolitik) so nicht kommen würde.

Ein Blich auf die Quelle: „Deutsche Wirtschafts Nachrichten„. Ahja.

Für alle denen das jetzt nichts sagt:

Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten sind der Kopp-Verlag für “irgendwas mit Wirtschaft”. Das Geschäftsmodell ist einfach erklärt: Möglichst hysterische Untergangsszenarieren an die Wand malen, damit unbedarfte Leserinnen und Leser auf allen Kanälen alle ihre Kontakte darauf hinweisen, die das wiederum anklicken (sollen) und damit wird dann mit wenig Aufwand viel Werbung verkauft. Je reißerischer, je mehr Weltuntergang und Verschwörungstheorie dabei ist, umso besser verkauft sich eine Geschichte. Das ist alles recht geschickt gemacht, nur leider ist an den Geschichten meistens nicht viel dran. Es werden Tatsachen verdreht und dass der Weltuntergang dann doch nicht kommt, geht leider in der Regel unter. Vielleicht weil in der Zwischenzeit der nächste bevorstehende Weltuntergang kommuniziert wird.

Quelle: netzpolitik.org: „Medienkompetenz für Einsteiger: Deutsche Wirtschafts Nachrichten“

Als ich dem Kurslehrer dann kurz über das Nichtvorfallen von Vorfällen berichte, frage ich beiläufig nach, wieso er diesen Artikel ausgewählt hat, immerhin sind die DWN ja „…doch nicht unumstritten…“ (ich habe mich bemüht es wertungsneutral zu formulieren).

Seine Antwort war: „Naja, also ähm, die sind so schön deutlich in ihrer Beschreibung und so können die SuS mal lernen Texte kritisch zu hinterfragen.“

Vielleicht liegt es daran, das ich kein Referendariat habe und ich maße mir daher auch nicht an, einen gestandenen Lehrer zu kritisieren… ABER: Diese Quellenwahl als Material für einen neutralen und wissenschaftlichen Wirtschaftsunterricht halte ich für doch diskussionsfähig.

Genaugenommen finde ich die kommentarlose Nutzung von verschwörungstheoretischem und neurechten Propagandamaterial als „seriöse“ Quelle in einer Klausur, bei der die SuS vertrauensvoll und unkritisch an die Quelle herangehen und für eine kritische Auseinandersetzung schon rein zeitlich keine Möglichkeit ist (sofern dieses nicht Teil der Aufgaben ist), totalen Mist.

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