Auf und Ab

Mittwoch: 3 Stunden Wirtschaft, 10. Klasse

Ich bin unsicher. Der Wirtschaftsunterricht kam spontan, ich entwickel die Reihe und die einzelnen Stunden just-in-time im Vorfeld. Das Praktikum und die Hausarbeit lassen mir nicht den Freiraum, den ich gerne hätte. Also klopfenden Herzens zur 1. Stunde hinein.

Die Schüler machen mit, folgen meinen (leider in der jetzigen Phase notwendigen) Definitionen mit der richtigen Mischung aus Anzweifeln und Aufnehmen. Aus den Schülerbeiträgen erkenne ich das die Vokabeln und Inhalte der letzten Stunden nicht ganz verschüttet sind. Das Unterfangen mal eben 20 Minuten Unterrichtszeit durch erhöhte Schlagzahl aufzuholen klappt. Sogar das Referat zum homo oeconomicus ist gut recherchiert und die SuS denken mit. Zweifel kommt auf, dass der egoistische Eigennutzmaximierer überhaupt in der Realität existiert. Als Belohnung lasse ich sie gegeneinander beim „Duell der Ölkonzerne“ die perfekte Strategie suchen, laut den mit siegessicherer Stimme vorgetragenen Selbstbekundungen haben einige Schüler sie gefunden: Lügen und Täuschen. Sie werden sehen, wie erfolgreich man damit in einem nur dünn kaschiertem Prisoners Dilemma Spiel ist… Auf jeden Fall haben sie dann mal dem Eigennutzmaximierer in sich die Hand gegeben.

Ich geh voller Begeisterung nach Hause. Lehrersein ist voll toll.

Donnerstag: 4 Stunden Psychologie, 9. und 10. Klasse

Ich gehe selbstsicher in die Klasse. Psychologie hab ich letztes Jahr alles schon einmal gemacht. Natürlich war nicht alles toll, aber jetzt brauch ich nur noch optimieren, Ballast rauswerfen, mehr am Schüler ausrichten und alles rausnehmen, was nicht geklappt hat. Das wird entspannt.

Die 9. ist überfordert. Restlos. Die Fragen sind nicht zu beantworten, der Text viel zu schwer. Die Lerneinheit habe ich zehnmal schon gemacht, diese Klasse geht in den Streik. Ich frage sie, was ich ändern kann, damit es für sie möglich scheint. Die Schüler sind irritiert und glauben mir nicht, das die Frage wirklich ernst gemeint ist. Zögerlich schlagen sie dann Gruppenarbeit in größeren Gruppen vor. Dann geht es … schleppend.   Ich mach mir eine geistige Notiz, dass Leistungsniveau der Klasse im Auge zu behalten und mich intensiver mit den Nachteilsausgleichen zu beschäftigen, die mir der Klassenlehrer ins Fach gelegt hat. Immerhin tauchen die Namen von  ca. einem Viertel der Schüler der Klasse darauf auf…

Die Doppelstunde in der 10. ist zäh. Sehr zäh. Das Gruppenpuzzle ist irgendwie als Methode anscheinend unbekannt. Ich werde gefragt, wie die eine Frage bitte beantwortet werden soll, wenn die Lösung nicht auf den Sachtextzetteln steht. Ich schlage eigene geistige Leistung und Fantasie vor und werde ungläubig angestarrt. Aufgaben die nicht nur darin bestehen, Worte von Zettel A nach Zettel B zu übertragen scheinen überraschend zu kommen. Wir werden uns noch aneinander gewöhnen müssen.

9. Klasse, 8. Stunde. Die Stundenwiederholung zieht sich über 20 Minuten. Nichts ist präsent, alles wird angezweifelt, es wird rumgeschrien, durcheinandergebrüllt. Ich versuche Wissen zu sortieren und bekomme volles Gegenfeuer: „Aber wenn das anders ist…“ „Ich kann Gedanken lesen, sie denken an Brötchen“   „Beobachtbares Verhalten? Man kann auch Steine beobachten.“    „Gedankenexperiment? Ok, dann bin ich der perfekte Gedankenleser, dann klappt das eben doch.“    „Ich hab nen Artikel gelesen, da stand [totaler Blödsinn, ca. 4 Minuten langatmig ausgewalzt] drin.“     In brutto 45 Minuten bekomme ich netto 10 Minuten geplante Wissensvermittlung unter. Schüler sind genervt von mir, weil ich ihre kruden Ideen keinen Raum gebe und darauf bestehe, dass das hier irgendwie doch noch Schulunterricht ist. Ich starre zum Fenster: Erster Stock, keine gefährliche Höhe, unten ist Rasen… selber springen um zu flüchten? Nein, keine Option, es gibt mindestens ein halbes Dutzend SuS, die sichtbar gerne beim Thema bleiben würden. Ein Lehrer verlässt als letztes den sinkenden Unterrichtsversuch. Ich könnte die 5 pubertierenden „Aber es könnte doch sein, dass…„-Sager einfach hinaus….?  Hm. Spontane Ideen sind nicht immer die Besten, aber diese gewinnt minütlich an Charme. Klingeln erlöst uns gegenseitig aus der Situation. Ich mach mir geistig eine Notiz, die nächste Stunde mit einer 5-minütigen schriftlichen Stundenwiederholung zu beginnen.

Ich geh voller Frust nach Hause. Lehrersein überlege ich mir nochmal.

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2 Kommentare

  1. Interessant, wie es laufen kann, oder? Wie aus den Stunden, in die man selbst ganz unsicher und mit ein bisschen Magenschmerzen reingeht, was ganz Tolles werden kann, und aus denen, die man doch als „sicher“ erachtet hatte, so gar nichts wird. Das kommt garantiert noch so häufig vor… Hoffentlich niemals in Lehrproben, das wünsche ich uns beiden!

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