Erwartungshaltungen

Boaa… laaangweilig…

Ich bekam die Mitteilung meiner Fachbereichsleitung, dass 3-4 meiner Schüler sich beschwert hätten, dass mein Unterricht langweilig sei.

Ich bin ja quasi ungelernter und daher nicht mit dem Selbstbewusstsein von Referendariat und 20 Jahren Berufserfahrung gesegnet, also machte ich das, was mir in der Situation am effektivsten erschien, ich verfiel sofort im massive Selbstzweifel.

Hab ich mir nicht genug Mühe gegeben? Sind meine Materialien zu hingehuscht, die Methoden zu eintönig? Fragt meine Selbstevaluation durch die SuS die falschen Fragen? Ist das überhaupt der richtige Job für mich?

Also hab ich erst Frau Grade und dann 2 andere Profilehrer (u.a. meine Fachbereichsleitung) über meine Materialien schauen lassen. Zu meiner echten Erleichterung fanden alle, dass das ganz hübsch aufbereitet und methodisch abwechslungsreich ist. Also eigentlich schöner Unterricht. Vielleicht meine Darbietungsform? Ich neige wirklich nicht zu monotonen Lehrervorträgen (Wie sagte mein Rhetorikausbilder? „Als Seminarleiter sind Sie echt unterhaltsam, aber versuchen sie niemals ernsthaft einen Jahresabschluss vorzustellen, das …äh… ist nicht so ihrs.„), also da wird auch nicht der Kern des Problems liegen.

Also wo ist der Haken?

Eines der Kernprobleme ist vermutlich folgendes: Die SuS haben beide Fächer als Wahlkurs das erste Mal.

In Psychologie erwarteten sie anscheinend lustiges Teetrinken mit Befindlichkeitssmalltalk, keine intensive Beschäftigungen mit Texten und Modellen von Freud und Skinner, Zimbardo und Maslow.

Und die Schüler im Wirtschaftskurs freuten sich auf anscheinend legendäre stundenfüllende Computerspielsessions mit Wirtschaftssimulationen, wie es meine Vorgängerin anscheinend gerne gemacht hat. Die übrigens in ihrer Rolle als Fachbereichsleitung wiederum die Erwartungshaltung hat, das viele der Schülerchens Wirtschaft in der Oberstufe wählen. Folglich drängt sie auf mehr Spiele, mehr Lustiges, weniger anspruchsvolles.

Vom Prinzip wollen alle das Gleiche, Edutainment statt Wissenschaft.

Problem: Das ist nicht meines. Ich will das nicht.

Als ich anfing zu studieren, war der Hörsaal voll mit Erstsemestern, die sich globale Konzerne lenken sahen, internationale Marketingkampagnen planen, Börsen zu knacken und gesichtslose Massen von Arbeitern im Produktionsprozess umherschieben, die darauf brannten die höheren Weihen des Business zu erhalten. Diese Erwartungshaltung  wurde durch Vorlesungen wie Einführung in die Makroökonomie, Grundlagen der Buchführung und Jahresabschlusslegung binnen Wochen zerkrümelt und die Reihen dünnten sich aus. Das war Buchhaltung statt CEO, Urschleim statt Global Management, das war Werkzeugkunde statt bildende Kunst. Aber es war notwendig. Und so bekommen meine SuS Grundbegriffe, Modelle, Definitionen und Sichtweisen, halt irgendwie Wissenschaft statt entspanntes Dampfplaudern oder tolle Simulationsspiele am Computer.

So IT affin ich auch bin, Computer haben eine unglaubliche Anziehungskraft auf SuS und dann wird geklickt, gedaddelt, viel über Spiele gequatscht und wenig über das Fach (war beim Hospitieren schön zu sehen). Inhaltlich kommt dazu, dass die Mechanismen in Simulationsspielen meist komplex sind und unsichtbar ablaufen, die SuS also die Simulation als Black Box wahrnehmen („Der Computer rechnet was„). Also mach ich meine spielerischen Simulationen (ja, ich mach welche!) im Klassenzimmer, klassisch mit Papier, vielleicht nicht so bunt, nicht so cool, aber dafür durchschaubar. Nur halt voll lame ohne Rechner. Auch kann ich meine langen Semester im Wissenschaftsbetrieb nicht ganz verleugnen: Ich möchte meine Schüler dazu bringen, mit mir zusammen über eine gewisses Niveauhürde zu springen, dazu gehören halt dummerweise theoretische Modelle und die Vokabeln der Wissenschaft und keine bunten Spiele, die Stunden fressen. Und grad am Anfang eines Faches gehört eine gewisse Definitionsmenge dazu, damit wir alle über das gleiche reden. Da versuch ich bunten methodischen Zuckerguss drauf zu machen, mit Gruppenarbeiten, selbstorganisiertem Lernen, eigenen Handyrecherchen, witzigen Fallstudien, aber man schmeckt das Definitorische halt leicht durch. 

Da die Uni (Ich verdamme universitäre Teamarbeit in die finsterste Niederhölle, wo dieses Konzept Studierende zusammenzuquetschen hergekommen ist) grad sehr anhänglich und aufmerksamkeitsheischend ist, bleibt mir eh grad keine Zeit bestehende Materialien jetzt individuell mehr auf Edutainment zu trimmen. Also muss ich da irgendwie durch, in der Erwartung, dass es im 2 Halbjahr besser wird, wenn wir aus der Anfangs- und Definitionsphase raus sind.

Irgendwas muss ich ja auch mal erwarten.


p.s.

Schule ist unberechenbar: 2 Tage später, 9 Klasse, die renitenteste und eigenwilligste Klasse des Jahrgangs

Das i-Kind mit den massiven sozialen Anpassungsproblemen bestätigt mir nebenbei das ich ein „voll cooler Lehrer“ bin und das Mädel, welches die ganze Zeit schlecht gelaunt mich, meine Methoden und Inhalte anzickt kritisch hinterfragt, verkündet laut, dass sie auf jeden Fall in der 10. Psychologie nehmen will. Und dann bekomme ich von ihr einen Luft-High-Five quer durch den Raum, „weil Sie das gut machen„.

Das hatte ich nicht erwartet.


p.p.s.

Mein aktuelles Fazit? Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwie in der Mitte.

Anscheinend sind die ersten Monate mit mir nicht einfach, aber dann rauft man sich doch zusammen. Ich bleibe bei meinem Anspruch, denn ich glaube an meine Schülerinnen und Schüler, das sie das können, das sie das schaffen, dass sie Wissenschaft statt Edutainment verdient haben und arbeite am Zuckerguss. Den gibt es bestimmt in noch anderen Geschmacksrichtungen.

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