Bunte Riesen

Grundschule.

Ja, die Zwerge sind klein. Und irgendwie … chaotisch. Aber ich hab die Höhle der Zwerglöwen überlebt.

Irgendwie waren die ja ganz niedlich…

Eine fand mich anscheinend voll in Ordnung, jede Pause stand sie neben mir und plapperte munter auf mich ein, während ich zusah, wie ihre Zahnspange sich mit Keksmasse zusetzte. Schützenhilfe gab ihr ihre Freundin, eine kleine Vietnamesin.  Zusammen nahmen sie mich jede Pause in Beschlag.

Neben vielem anderen, erzählte mir die kleine Zwerglöwin, dass sie erst seit 2 Jahren in Deutschland ist. Ich lobte sie pädagogisch wertvoll für ihr wirklich nahezu perfektes Deutsch. Da mischte sich ein dunkelhäutiger Junge  ein:

„Wo kommst her?“ (Die Klassen waren gemischt worden, die SuS kannten sich untereinander nicht immer)

„Aus Brasilien.“ (Das erklärte auch den leichten spanisch anmutenden Akzent, den ich glaubte zu erkennen.)

„Aber hast doch erzählt, dass voll arabisch sprichst!!“

„Ja, meine Eltern sprechen halt nur arabisch, aber ich bring jetzt meiner Mutter Deutsch bei, weil ich finds voll doof, das sie sich in Deutschland nicht verständigen kann. Nich, Herr Quer, ist doch voll blöd. Ich würd lieber wieder in Brasilien leben, das ist wärmer da, aber hier ist auch ganz ok …“ (und sie hat noch viel mehr erzählt)

Vielleicht können 5. Klässler doch auch schon Riesen sein.

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In die Höhle der Zwerglöwen

Ich hab ja noch neben dem Studium und der Anstellung als Lehrkraft noch freiberuflich kleine Engagements, damit keine Langeweile aufkommt. Während das eine mehr aus Nostalgie und alter Loyalität in Gedenken an die Zeiten unter menschlich auf den Hai gekommenen Immobiliengroßkotzen in der Berufswelt noch besteht, ist das andere recht spannend: Für ein studentisches Startup in Schulen gehen und im Rahmen von Workshops Crashkurse mit den SuS zu vielerlei Themen machen.

Auch wenn ich selten wirklich Zeit finde, ist das doch recht angenehm: Unterricht halten, den andere vorbereitet haben und bei dem das Material vollständig abholbereit im Büro liegt, inkl. fix und fertiger Powerpoint. So komm ich in viele Schulen, lerne DirektorInnen und Kollegien kennen und bekomm einen bunten Blick auf das, was auch alles Schule sein kann.

Aber jetzt hat es mich erwischt: Grippe und Prüfungen haben den Pool der Mitarbeitersoweit ausgedünnt, das ich zu einem Lerntechniken-Workshop zwangsverhaftet wurde. An einer Grundschule.

Ja. Ähm…

Grundschule.

Ich mag pubertäre 9-10 Klassen. Wirklich. Nach 2 Monaten funktionieren die, lernen, arbeiten, lachen, wir mögen uns. Der Weg dahin ist manchmal etwas umkämpft, aber bisher bin ich noch mit jeder Klasse zu einem produktiven Miteinander gekommen. Grundschüler sind klein. Sehr klein.

Grundschule.

Ich unterrichte Wirtschaft und Psychologie und studiere noch Informatik dazu. Formalerweise auf Lehramt Berufliche Schulen. Piaget ist das, was uns nicht betrifft, Lebensphasen nach Erikson sind eher angesagt. Ich fühle mich für die kleinen nicht vorbereitet.

Grundschule.

Meine bisherige Erfahrung mit der Altergruppe war eine Vertretungsstunde in einer 5. Klasse, in denen ich nur mit ihnen in der Schulbibliothek lesen gehen sollte. Es gipfelte in der Frage eines Mädchens: „Was machen Sie hier eigentlich?“

Grundschule.

Eine Entscheidung muss her: Ich bin mal Held und probier es. Als Lehrer muss man ja in jeder Situation irgendwie bestehen, also werfe ich mich die Höhle der kleinen Löwen. Sehr kleine Löwen. Aber dann kommt der Vermerk „Keine Grundschule“ auf mein Personalstammblatt! Nicht das ich noch Ernährungsworkshops mit Plastikgemüse mache.

Frau Grade grinst seit Tagen, wenn ich ihr von meinem heroischen Entschluss erzähle.

Ich muss sie mal fragen warum.


Nachtrag:

Wer letztendlich eigentlich der wirkliche Held war, steht hier.

 

Erwartungshaltungen

Boaa… laaangweilig…

Ich bekam die Mitteilung meiner Fachbereichsleitung, dass 3-4 meiner Schüler sich beschwert hätten, dass mein Unterricht langweilig sei.

Ich bin ja quasi ungelernter und daher nicht mit dem Selbstbewusstsein von Referendariat und 20 Jahren Berufserfahrung gesegnet, also machte ich das, was mir in der Situation am effektivsten erschien, ich verfiel sofort im massive Selbstzweifel.

Hab ich mir nicht genug Mühe gegeben? Sind meine Materialien zu hingehuscht, die Methoden zu eintönig? Fragt meine Selbstevaluation durch die SuS die falschen Fragen? Ist das überhaupt der richtige Job für mich?

Also hab ich erst Frau Grade und dann 2 andere Profilehrer (u.a. meine Fachbereichsleitung) über meine Materialien schauen lassen. Zu meiner echten Erleichterung fanden alle, dass das ganz hübsch aufbereitet und methodisch abwechslungsreich ist. Also eigentlich schöner Unterricht. Vielleicht meine Darbietungsform? Ich neige wirklich nicht zu monotonen Lehrervorträgen (Wie sagte mein Rhetorikausbilder? „Als Seminarleiter sind Sie echt unterhaltsam, aber versuchen sie niemals ernsthaft einen Jahresabschluss vorzustellen, das …äh… ist nicht so ihrs.„), also da wird auch nicht der Kern des Problems liegen.

Also wo ist der Haken?

Eines der Kernprobleme ist vermutlich folgendes: Die SuS haben beide Fächer als Wahlkurs das erste Mal.

In Psychologie erwarteten sie anscheinend lustiges Teetrinken mit Befindlichkeitssmalltalk, keine intensive Beschäftigungen mit Texten und Modellen von Freud und Skinner, Zimbardo und Maslow.

Und die Schüler im Wirtschaftskurs freuten sich auf anscheinend legendäre stundenfüllende Computerspielsessions mit Wirtschaftssimulationen, wie es meine Vorgängerin anscheinend gerne gemacht hat. Die übrigens in ihrer Rolle als Fachbereichsleitung wiederum die Erwartungshaltung hat, das viele der Schülerchens Wirtschaft in der Oberstufe wählen. Folglich drängt sie auf mehr Spiele, mehr Lustiges, weniger anspruchsvolles.

Vom Prinzip wollen alle das Gleiche, Edutainment statt Wissenschaft.

Problem: Das ist nicht meines. Ich will das nicht.

Als ich anfing zu studieren, war der Hörsaal voll mit Erstsemestern, die sich globale Konzerne lenken sahen, internationale Marketingkampagnen planen, Börsen zu knacken und gesichtslose Massen von Arbeitern im Produktionsprozess umherschieben, die darauf brannten die höheren Weihen des Business zu erhalten. Diese Erwartungshaltung  wurde durch Vorlesungen wie Einführung in die Makroökonomie, Grundlagen der Buchführung und Jahresabschlusslegung binnen Wochen zerkrümelt und die Reihen dünnten sich aus. Das war Buchhaltung statt CEO, Urschleim statt Global Management, das war Werkzeugkunde statt bildende Kunst. Aber es war notwendig. Und so bekommen meine SuS Grundbegriffe, Modelle, Definitionen und Sichtweisen, halt irgendwie Wissenschaft statt entspanntes Dampfplaudern oder tolle Simulationsspiele am Computer.

So IT affin ich auch bin, Computer haben eine unglaubliche Anziehungskraft auf SuS und dann wird geklickt, gedaddelt, viel über Spiele gequatscht und wenig über das Fach (war beim Hospitieren schön zu sehen). Inhaltlich kommt dazu, dass die Mechanismen in Simulationsspielen meist komplex sind und unsichtbar ablaufen, die SuS also die Simulation als Black Box wahrnehmen („Der Computer rechnet was„). Also mach ich meine spielerischen Simulationen (ja, ich mach welche!) im Klassenzimmer, klassisch mit Papier, vielleicht nicht so bunt, nicht so cool, aber dafür durchschaubar. Nur halt voll lame ohne Rechner. Auch kann ich meine langen Semester im Wissenschaftsbetrieb nicht ganz verleugnen: Ich möchte meine Schüler dazu bringen, mit mir zusammen über eine gewisses Niveauhürde zu springen, dazu gehören halt dummerweise theoretische Modelle und die Vokabeln der Wissenschaft und keine bunten Spiele, die Stunden fressen. Und grad am Anfang eines Faches gehört eine gewisse Definitionsmenge dazu, damit wir alle über das gleiche reden. Da versuch ich bunten methodischen Zuckerguss drauf zu machen, mit Gruppenarbeiten, selbstorganisiertem Lernen, eigenen Handyrecherchen, witzigen Fallstudien, aber man schmeckt das Definitorische halt leicht durch. 

Da die Uni (Ich verdamme universitäre Teamarbeit in die finsterste Niederhölle, wo dieses Konzept Studierende zusammenzuquetschen hergekommen ist) grad sehr anhänglich und aufmerksamkeitsheischend ist, bleibt mir eh grad keine Zeit bestehende Materialien jetzt individuell mehr auf Edutainment zu trimmen. Also muss ich da irgendwie durch, in der Erwartung, dass es im 2 Halbjahr besser wird, wenn wir aus der Anfangs- und Definitionsphase raus sind.

Irgendwas muss ich ja auch mal erwarten.


p.s.

Schule ist unberechenbar: 2 Tage später, 9 Klasse, die renitenteste und eigenwilligste Klasse des Jahrgangs

Das i-Kind mit den massiven sozialen Anpassungsproblemen bestätigt mir nebenbei das ich ein „voll cooler Lehrer“ bin und das Mädel, welches die ganze Zeit schlecht gelaunt mich, meine Methoden und Inhalte anzickt kritisch hinterfragt, verkündet laut, dass sie auf jeden Fall in der 10. Psychologie nehmen will. Und dann bekomme ich von ihr einen Luft-High-Five quer durch den Raum, „weil Sie das gut machen„.

Das hatte ich nicht erwartet.


p.p.s.

Mein aktuelles Fazit? Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwie in der Mitte.

Anscheinend sind die ersten Monate mit mir nicht einfach, aber dann rauft man sich doch zusammen. Ich bleibe bei meinem Anspruch, denn ich glaube an meine Schülerinnen und Schüler, das sie das können, das sie das schaffen, dass sie Wissenschaft statt Edutainment verdient haben und arbeite am Zuckerguss. Den gibt es bestimmt in noch anderen Geschmacksrichtungen.

Chronik einer Abgabefrist

Hier ein Gastbeitrag meiner mir angetrauten Frau Grade, ihres Zeichens Studienrätin.

Der Deutschkurs der 12. hatte 8 Gruppen gebildet und sollte in Gruppenarbeit binnen ca. 2 Wochen Lernpapiere produzieren und abgeben. Allgemein anerkannte Abgabefrist war ein Freitag.

Also… theoretisch… 


  • T-12: Montag, 21.02 Uhr:

21.02 Uhr: Die Lehrerin Frau Grade verschickt via Lernplattform die Aufgabenstellung für die Stunden, die wegen div. Projekte auf Lehrer und Schülerseite nicht von ihr unterrichtet werden können. Daher gibt sie eine weitestgehend als Wiederholung und für die Vorbereitung auf das Abitur gedachte Aufgabenstellung, die fürs Lernen allen zugute kommen sollte.
Frist für die Abgabe: übernächsten Freitag 18.00 Uhr (im folgenden als T bezeichnet)  …also 12 Tage für die Bearbeitung

  • T-3: Dienstag

09.45 Uhr: Schülerin A spricht Frau Grade im Flur an und teilt ihr mit, dass sie Schwierigkeiten hat, die Aufgabe fristgerecht zu schaffen. Sie erbittet Fristverlängerung bis Sonntag (T+2). Diese wird gewährt.

  • T-1: Donnerstag

08.45 Uhr: Schüler B fällt aus allen Wolken, als Schüler C ihn daran erinnert, dass morgen (Freitag) die Abgabefrist ist. Schüler B ist arg überrascht, dachte er doch, Montag (T+3) reicht doch auch.

11.00 Uhr: Schülerin D steht verzweifelt vor dem Lehrerzimmer, weil sie ihre Datei nicht verschicken kann. Diese existiere nur auf dem Schulrechner und stürzt immer ab, wenn sie diese verschicken möchte. Aber morgen könne D die Aufgabe nicht einreichen, denn sie sei nicht in der Schule. Wandertag! Da auch kein USB-Stick zur Hand ist, kommen Schülerin D und Frau Grade auf die tolle Idee, man könne ja die Datei ausdrucken und ins Fach legen…so ganz analog. Klappt!

  • T-0: Freitag – Abgabetag!

16.00 Uhr: Zwei Lernpapiere landen im Email-Postfach von Frau Grade. Sogar das von Schüler B ist da, der ja eigentlich dachte, nächsten Montag wäre erst Fristende. Große Freude bricht aus und Frau Grade beginnt ihren Wochenendeinkauf.

16.32 Uhr: Frau Grade steht auf dem Parkplatz vom Supermarkt und das Handy macht „Ping“. Nachricht von Schülerin E. Das WLan funktioniere nicht und das Lernpapier lagere nur auf dem Laptop und könne daher auch nicht übers Handy versendet werden, mit dem dieser Mail-Hilferuf gesendet wird. Frau Grade stellt sich neben die Einkaufswagen und tippt Hilfsangebote.

17.13 Uhr: Frau Grade steht beim Kühlregal, als das Handy wieder pingt. Schülerin F hat auch kein Wlan und bittet um Fristverländerung. Frau Grade ist wieder mal ein Schaf und gewährt diese. Da sie die Schülerin nicht zu lange im Unsicheren lassen möchte, schreibt sie diese Antwort während sie in der Schlange an der Kasse steht. Schülerin F bedankt sich artig.

18.00 Uhr: DEADLINE! Die Frist ist um! Eingereicht haben bisher ganze 3 Gruppen von 8!!!

18.22 Uhr: Schülerin E hat jetzt doch wieder WLan, Halleluja! Sie sendet die Datei zunächst als odt und 2 Min. später als pdf. Sehr schön!

  • T+1: Samstag

13.47 Uhr: Frau Grade sitzt nach einem Schulevent beim Essen. Juhuu, eine Mail. Schülerin F hat mit der Hilfe eines Freundes der Familie das Wlan repariert und sendet ihr Lernpapier.

  • T+2: Sonntag

15.35 Uhr: Frau Grade bereitet den Unterricht vor und stellt schon mal die vorhandenen Beiträge auf die Lernplattform ein.

19.35 Uhr: Frau grade nimmt im Kino Platz und will gerade den Klingenton ausschalten. Oh, schau mal, Schülerin A sendet ihre Datei als…rtf??? Was ist das? Naja, Handy kanns nicht öffnen, aber am heimischen Rechner geht es. Keine Ahnung, ob das Format dabei erhalten geblieben ist.

22.15 Uhr: Frau Grade verlässt das Kino und wirft einen Blick aufs Handy. Schüler G meldet sich erstmals. Er habe versucht auf Windows 10 umzustellen, aber das hat nicht geklappt. Deshalb sendet er jetzt das Lernpapier (Posteingang 21.20 Uhr). Weshalb er nicht vorher schon Frau Grade kontaktiert hat, um von dem Problem zu berichteten, bleibt ein Rätsel.

23.00 Uhr: Frau Grade beschließt, diese Irrungen und Wirrungen festzuhalten. Vielleicht lernt ja wer was daraus. Im Übrigen sind bis um 23.40 Uhr 7 von 8 Lernpapieren eingegangen. Frau Grade beschließt ins Bett zu gehen.

  • T+3: Montag

10:00 Uhr: Das Rätsel des letzten ausstehenden Lernpapiers löst sich. Die Gruppe hatten die Arbeit bereits nach einer Woche fertig und einer der Gruppenmitglieder wollte es noch überarbeiten und dann einschicken. Zerknirscht musste er seiner Partnerin erklären, dass er eben dieses vergessen hatte. Er reicht es auf Papier rein.

12:00 Uhr: Frau Grade überlegt, wie man dieses Drama jetzt in Noten übersetzt.