Life Reset

Ich wollte soviel schreiben:

  • über die SuS, die freiwillig total tolle Kursbeschreibungen für die Schulwebsite verfasst haben,
  • über die Schülerin, die ich das ganze Jahr über nur im Halbprofil gesehen hab, weil sie aktive Unterrichtsverweigerung betrieb und nur am Quatschen war. Sie kam 1 Monat vor Ende zu mir, entschuldigte sich kleinlaut, dass sie ein echt mieses Jahr hatte und bot an eine Hausarbeit zu schreiben. Sie lieferte mir eine Hausarbeit von 14 Seiten auf Uni-Niveau über Psychologie in der Popmusik mit einer beeindruckenden Sprachkompetenz und sehr tiefer Selbstreflektion und rettete damit ihre 4.
  • über den Lehrerzimmerwahnsinn, der 3 Wochen vor Ende grassierte,
  • über die letzte Klausur meines Bachelors, 2,5 Stunden Algorithmen und Datenstrukturen, die ich in völlig übermüdet, mit ca. 10 Stunden Vorbereitung und einem angebrochenem Zeh geschrieben und mit 2,7 bestanden habe während 35% durchgefallen sind,
  • das ich den Bachelor bestanden und jetzt in den Master of Education gehe, in der Hoffnung endlich Hausarbeiten über spannende Themen zu schreiben und nicht Klausuren über Sortieralgorithmen
  • und sovieles mehr.

Aber das habe ich alles nicht getan.

Ich sass total unprosaisch auf dem Klo als der Anruf vom Jugendamt kam.

Das war vor 4 Wochen.

Jetzt toben hier 2 Kinder durch das Haus, 3 und 1 Jahr alt, von Eltern, die mit ihrem eigenen Leben schon überfordert waren.

Und neben Lehrer im Sekundarbereich und Student im akademischen Bereich habe ich jetzt auch noch die Rolle als Papa im Elementarbereich.

Aber es füllt eine Lücke. Dafür haben Frau Grade und ich irgendwie immer Platz freigehalten.

Life reset. Alles neu.

Weiter gehts.

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Partygespräche nach dem 2 4. Bier:

Herr Quer (angehender Berufsschullehrer): „Und ich soll in eine Grundschule! 5. Klasse! Die kennen doch mein ganzes Fachvokabular garnicht! Wisst ihr wie klein die da sind? Wie soll ich die denn zur Ruhe bringen, die Kleinen sind doch total empfindlich! Wie soll ich mit den arbeiten?“

Frau Murmelsang (Kita-Erzieherin, angehende Sozialarbeiterin): „Ach was, die sind 10, die sind groß und robust. Die können voll gut direkte Ansagen ab, mit denen kann man total toll und produktiv arbeiten.“

Herr Regenbogen (angehender Kita-Erzieher): „Also mir wären die ja nix, die sind doch viel zu groß und ruppig miteinander, das ist doch total unharmonisch. Mir hat das Praktikum in der Vorschule gereicht. Das ist doch echt stressig, mit denen könnte ich garnicht arbeiten.“

 

 

Streetart

Im Sommer:

Ein Piepen treibt mich aus dem Haus. Der Drucker hat mir sehr nachdrücklich klar gemacht, das er genau jetzt, hier und heute Toner braucht. Während ich zum nächsten Tonerhändler fahre, vermeldet der Wetterbericht eine sehr ernste Unwetterwarnung, andere Landesteile sind schon geflutet.

Eine Parkplatzsuche später suche ich den Druckerfutterfachhandel und komme bei zwei jungen Mädchen vorbei, die unter einer Unterführung sitzen. Sehr jung, sehr punk, sehr pleite und unglaublich verliebt. Da ich zufällig beim nächsten Laden zu viele Dosen Cola und Äpfel kaufe, komm ich mit den Mädels ins Gespräch. Ich geb die Unwetterwarnung an sie weiter und eine erzählt mir in trockenen Worten nebenbei ihre Geschichte, während die andere konzentriert und verbissen malt. Überforderte Eltern in einem kleinen Dorf am anderen Ende der Republik, bürokratische Jugendämter, blöde und sture Lehrer ziehen an mir vorbei, aber auch tolle Festivals, treue Freunde und ein fast schon kitschiges Kennenlernen inkl. Liebe auf den ersten Blick beim tollsten Konzert aller Zeiten. Lauter Dinge, die man so oder ähnlich schon mal gehört, gelesen oder gesehen hat, aber das Leben der beiden Mädchen aus den Bahnen gehoben haben und sie hier unter die Unterführung geführt haben.

Ich bin doch etwas geschockt über beiläufig erzählte Geschichte, aber die beiden sind gut drauf. Ein Passant hat ihnen einen DailyDeal-Gutschein für ein All-you-can-eat-Asia-Buffet geschenkt und die beiden planen ein opulentes und romantisches Dinner und hoffen dabei dem Unwetter zu entgehen.

Ich wünsche ihnen einen schönen Abend und beim Gehen frage ich die schweigsame Malerin, was sie denn malt. Was sie fühlt, sagt sie und ich finde die Antwort doch recht gut. Sie würde unheimlich gerne Künstlerin werden, sagt sie und, auf die Frage warum sie sich denn jetzt noch nicht als Künstlerin sieht, erklärt mir die junge Punkerin die wirtschaftliche Natur der Kunst. Künstler darf sich nur nennen, wer schon mal mindestens ein Werk gegen Geld verkauft hat.

Ich denke mal, dieses Werk einer frischgebackenen Künstlerin war die 5 Euro durchaus wert. Wenn sie weltberühmt geworden ist, ist es vielleicht mal viel wert.

Und wenn nicht, ist es auch noch so.

streetart

Wieder zu Zweit.

Frau Grade, die mir seit Jahren angetraute Ehefrau und beste Teampartnerin aller Zeiten, hat mir seit einigen Monaten nicht nur ein Lehramtsstudium, sondern auch ein erfolgreich abgeschlossenes Referendariat voraus.

Damit müssen wir jetzt wieder lernen, eine Beziehung zu zweit zu führen, ohne den ständigen Mitbewohner Namens Referendariat. Wir werden ihn nicht vermissen, war er doch ein sehr besitzergreifender und übergriffiger Mitbewohner. Rücksichtslos sass er am Abendbrottisch, war auf jeder Feier dabei und vermieste die Laune, nahm keine Rücksicht auf Urlaube, Freizeit, generell jegliche Form von Planung. Auch hat er ohne zu Fragen seine Kumpels eingeladen, die sich dann auch gerne mal über Tage und Wochen bei uns breit gemacht haben:

  • Unterrichtsbesuch flätzte sich auf dem Sofa und verhinderte jeglichen Feierabend.
  • Die Geschwister Seminar zickten sich wie immer an, wollten wie große Diven dieses und jenes und bevorzugt immer genau das Gegenteil der Anderen, das aber meist sofort und zeitgleich.
  • Der Unterrichtsentwurf wälzte sich behäbig durchs Haus, futterte jede rumliegende Minute und verstopfte den Kopf.
  • Und dann waren da noch die Drillinge Termine, Termine, Termine, die sich als Fitnesstrainer berufen fühlten und alle auf Trab gehalten haben, immer in Bewegung, immer neu und immer kaum zu bändigen.
  • Die ungezählten Tagesgäste, die sich spontan berufen fühlten, Teil unseres Haushaltes zu sein, mag ich hier garnicht erwähnen.

Jetzt hängt das 2. Staatsexamen über dem Schreibtisch und es kommt so langsam wieder Ruhe ins Haus. Ungewohnt, aber nicht schlecht!

Ich hoffe, ich bin mit dem Verarbeiten fertig, wenn das Referendariat mich heimsucht. Ich will nämlich Lehrer werden.

Hallo, ich bin der Neue…

… und Quereinsteiger.

Zum Quereinsteigen gehört erstmal ein Queraussteigen. Nach einem Studium der Wirtschaftszahlen und einer Karriere in einer Branche mit schlechtem Ruf hatte ich genug von Haien aller Farben. Die unangenehme Eigenschaft eines Hais ist, dass er, egal ob man ihn von unten oder von oben betrachtet, ein Hai bleibt.

Ich bin kein Hai und wollte es nie werden, statt zu beissen habe ich lieber die Nachwuchshaie (die sind noch nett) ausgebildet und all die kleinen Putzerfische, die so um die großen Haie rumwuseln, koordiniert und ihnen die Arbeit leichter gemacht.

Eines Krisenmorgens wachte ich auf und wusste das ich aus dem Fischbecken raus und zu Menschen hin musste. Also kurzentschlossen nochmal studiert, Psychologie der Haie und anderer Fische (inkl. angenehme Beckengestaltung) und mich auf die Suche nach einem haifreien Gebiet gemacht. Durch Zufall wurde ich dann als Flicken für ein dringendes Leck entdeckt und stand über Nacht als Aushilfe in einer Klasse.

Ich war so leidlich mit mir zufrieden, die Schüler dann irgendwann auch, meine Fachbereichsleitung glücklich und die Schulleitung entspannt. Was als Notlösung geplant war, entpuppte sich für alle Beteiligten als gute Lösung und so werde ich jetzt dann mal quereinsteigen in die bunte Welt der Schule.

Ich werde dann mal Lehrer.