Neudenken

Die neue Workshop-Planung ist da (ich erwähnte ja mal, das ich noch nebenbei jobbe).

T – 2 Wochen

Ich freu mich: Eine Schule in meiner Nähe möchte 4 Workshops für die 10. Klasse zum Thema „Präsentationen erstellen und halten“, verteilt auf 2 Tage. Genau mein Gebiet, die Kunst des Präsentierens für eine Mittelstufe, vermutlich  Abschlussprüfung. Yeah.

T – 1 Woche

Ein Blick in die Auftragsdaten: die Schule hat schon einen genauen Plan, die Klasse wurde schon mal binnendifferenziert in 2 Gruppen a 6 SuS geteilt. 6 SuS, 2 volle Tage. Perfekt.

T – 4 Tage

Ich will die Workshopmaterialien aus dem Büro holen. Dort heißt es: Ne, kein Material, nur eine Powerpoint und ganz viel individuelles Prüfungscoaching.  Noch Perfekter. Ich freu mich auf eine intensive Pürfungsvorbereitung, überlege wie ich die üblichen Kritikregeln in der Gruppe etabliere, Grundkonzepte der nonverbalen Kommunikation vermittel, Rhetorik trainiere, Design- und Layouttips unterhaltsam erläutere. 6 SuS erlauben ja ein echt intensives , persönliches und inhaltsreiches Coaching.

T – 1 Tag

Eine Email eines Kollegen, der grade 2 Tage andere Workshops an der Schule gemacht hat: die Schule hält Beispielspräsentationen bereit, damit wir wissen, wie so die Anforderungen der Schule so sind. Im Nachsatz: Die kleinen Gruppen sind wirklich sehr notwendig, da die SuS die Zeit auch brauchen und bekommen sollen.

Ich stutze.

Ein Blick auf die Webseite der Schule zeigt ein kleines aber engagiertes sonderpädagogisches Förderzentrum mit dem Schwerpunkt „Lernen“. Einziger mögliche Abschluss: Hauptschulabschluss nach der 10. Klasse. Notwendige Prüfungsleistung u.a. eine bestandene Gruppenpräsentation mit 4,0.

Alles nochmal auf Anfang.

Offen sein.

Neudenken.

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Sprachlos

Ich sehe auf die Zahlen und Balken, höre Erklärungsversuche und Schuldzuweisungen und kann es doch nicht fassen.

Die Feindbilder sind neu, aber die Parolen die gleichen. Aber das fällt anscheinend einem viel zu großen Teil der Menschen in diesem Land nicht auf.

Ich hatte bis zum Abitur 2 bis 3 Stunden Geschichte die Woche, ich kenne die Reden, die Mechanismen und die Absichten und ich erkenne den alten Geist der Rattenfänger wieder.

Es gibt Bundesländer, in denen wird mit dem Gedanken gespielt Geschichte mit Erdkunde und Politik zusammen 3-stündig zu unterrichten, 1 Stunde Geschichte im bunten Sträußchen mit anderen Fächern, unterrichtet von Lehrern, die vielleicht Erdkunde studiert haben, aber nie eine Stunde Geschichte.

Viele erkennen die Reden der Gestrigen anscheinend jetzt schon nicht mehr, wie soll es erst dann werden?

Ich kann es nicht verstehen. Mir fehlen die Worte.

Bunte Riesen

Grundschule.

Ja, die Zwerge sind klein. Und irgendwie … chaotisch. Aber ich hab die Höhle der Zwerglöwen überlebt.

Irgendwie waren die ja ganz niedlich…

Eine fand mich anscheinend voll in Ordnung, jede Pause stand sie neben mir und plapperte munter auf mich ein, während ich zusah, wie ihre Zahnspange sich mit Keksmasse zusetzte. Schützenhilfe gab ihr ihre Freundin, eine kleine Vietnamesin.  Zusammen nahmen sie mich jede Pause in Beschlag.

Neben vielem anderen, erzählte mir die kleine Zwerglöwin, dass sie erst seit 2 Jahren in Deutschland ist. Ich lobte sie pädagogisch wertvoll für ihr wirklich nahezu perfektes Deutsch. Da mischte sich ein dunkelhäutiger Junge  ein:

„Wo kommst her?“ (Die Klassen waren gemischt worden, die SuS kannten sich untereinander nicht immer)

„Aus Brasilien.“ (Das erklärte auch den leichten spanisch anmutenden Akzent, den ich glaubte zu erkennen.)

„Aber hast doch erzählt, dass voll arabisch sprichst!!“

„Ja, meine Eltern sprechen halt nur arabisch, aber ich bring jetzt meiner Mutter Deutsch bei, weil ich finds voll doof, das sie sich in Deutschland nicht verständigen kann. Nich, Herr Quer, ist doch voll blöd. Ich würd lieber wieder in Brasilien leben, das ist wärmer da, aber hier ist auch ganz ok …“ (und sie hat noch viel mehr erzählt)

Vielleicht können 5. Klässler doch auch schon Riesen sein.

Partygespräche nach dem 2 4. Bier:

Herr Quer (angehender Berufsschullehrer): „Und ich soll in eine Grundschule! 5. Klasse! Die kennen doch mein ganzes Fachvokabular garnicht! Wisst ihr wie klein die da sind? Wie soll ich die denn zur Ruhe bringen, die Kleinen sind doch total empfindlich! Wie soll ich mit den arbeiten?“

Frau Murmelsang (Kita-Erzieherin, angehende Sozialarbeiterin): „Ach was, die sind 10, die sind groß und robust. Die können voll gut direkte Ansagen ab, mit denen kann man total toll und produktiv arbeiten.“

Herr Regenbogen (angehender Kita-Erzieher): „Also mir wären die ja nix, die sind doch viel zu groß und ruppig miteinander, das ist doch total unharmonisch. Mir hat das Praktikum in der Vorschule gereicht. Das ist doch echt stressig, mit denen könnte ich garnicht arbeiten.“

 

 

In die Höhle der Zwerglöwen

Ich hab ja noch neben dem Studium und der Anstellung als Lehrkraft noch freiberuflich kleine Engagements, damit keine Langeweile aufkommt. Während das eine mehr aus Nostalgie und alter Loyalität in Gedenken an die Zeiten unter menschlich auf den Hai gekommenen Immobiliengroßkotzen in der Berufswelt noch besteht, ist das andere recht spannend: Für ein studentisches Startup in Schulen gehen und im Rahmen von Workshops Crashkurse mit den SuS zu vielerlei Themen machen.

Auch wenn ich selten wirklich Zeit finde, ist das doch recht angenehm: Unterricht halten, den andere vorbereitet haben und bei dem das Material vollständig abholbereit im Büro liegt, inkl. fix und fertiger Powerpoint. So komm ich in viele Schulen, lerne DirektorInnen und Kollegien kennen und bekomm einen bunten Blick auf das, was auch alles Schule sein kann.

Aber jetzt hat es mich erwischt: Grippe und Prüfungen haben den Pool der Mitarbeitersoweit ausgedünnt, das ich zu einem Lerntechniken-Workshop zwangsverhaftet wurde. An einer Grundschule.

Ja. Ähm…

Grundschule.

Ich mag pubertäre 9-10 Klassen. Wirklich. Nach 2 Monaten funktionieren die, lernen, arbeiten, lachen, wir mögen uns. Der Weg dahin ist manchmal etwas umkämpft, aber bisher bin ich noch mit jeder Klasse zu einem produktiven Miteinander gekommen. Grundschüler sind klein. Sehr klein.

Grundschule.

Ich unterrichte Wirtschaft und Psychologie und studiere noch Informatik dazu. Formalerweise auf Lehramt Berufliche Schulen. Piaget ist das, was uns nicht betrifft, Lebensphasen nach Erikson sind eher angesagt. Ich fühle mich für die kleinen nicht vorbereitet.

Grundschule.

Meine bisherige Erfahrung mit der Altergruppe war eine Vertretungsstunde in einer 5. Klasse, in denen ich nur mit ihnen in der Schulbibliothek lesen gehen sollte. Es gipfelte in der Frage eines Mädchens: „Was machen Sie hier eigentlich?“

Grundschule.

Eine Entscheidung muss her: Ich bin mal Held und probier es. Als Lehrer muss man ja in jeder Situation irgendwie bestehen, also werfe ich mich die Höhle der kleinen Löwen. Sehr kleine Löwen. Aber dann kommt der Vermerk „Keine Grundschule“ auf mein Personalstammblatt! Nicht das ich noch Ernährungsworkshops mit Plastikgemüse mache.

Frau Grade grinst seit Tagen, wenn ich ihr von meinem heroischen Entschluss erzähle.

Ich muss sie mal fragen warum.


Nachtrag:

Wer letztendlich eigentlich der wirkliche Held war, steht hier.

 

Raumverteilung im Elfenbeinturm

Semesterende, für meinen Geschmack 2 Wochen zu spät. Aber vor die vorlesungsfreie Zeit hat der grosse Direktor die Klausuren gelegt.
Während in der Vorlesungszeit können Unterricht und Vorlesung, zwar eng verzahnt und auf knirsch genäht, koexistieren. Aber wenn die Klausuren nahen, stell ich jedesmal fest, dass für zusätzliches Lernen kaum noch Zeit bleibt, zumal das Leben dann noch zusätzliche Überaschungen aus der Trickkiste holt.

Und ehrlich gesagt: Ich würde mich durchaus als analytischer Mensch mit einer grossen Begeisterung für das wissenschaftliche Arbeiten beschreiben, aber im Lehramtsstudium zeigt sich der Elfenbeinturm zunehmend absurder.

Recht weit oben, mir Fenstern um die Welt da draussen zu sehen und einem kleinen Balkon, um die Luft der Realität zu schnuppern, da residieren die Wirtschaftspädagogen. Da wo andere Lehrämtler Erziehungstheorien zu 6-Jährigen hören, lauschen wir Theorien über die gesellschaftliche Bedeutung des Berufsbildungssystems. Die Menschwerdung endet nicht mit Piaget, daher ein wirklich spannendes Thema, sehr viel Verknüpfung der Therien zur Praxis, alles auf das Lehrerdasein ausgerichtet.
Die Abschlussprüfung beinhaltet ein Referat und eine Klausur, 90 Minuten. Geprüft werden ca. 200 Folien, eine höchstspannende Vorlesung und eine didaktisch beeindruckend gut gemachte Übung. Das gibt dann 4 Leistungspunkte.

Unten im Keller des Elfenbeinturms, da wo die Server stehen und kein Tageslicht hinfällt, niemand vorbeikommt und Real ein Fliesskommazahlenformat ist, da leben die Informatiker. Als die Informatikfakultät beauftragt wurde, eine Prüfungsordnung für Lehramtsstudierende zu entwerfen, haben sich die honoren Informatikprofessoren vermutlich an ihre eigene Schulzeit erinnert, nichts zum Thema Informatikunterricht gefunden und dann einfach ein Profil für „Hilfsinformatiker/Programmierer“ entworfen, also für die armen Kreaturen, bei denen es nicht zum Vollinformatiker gereicht hat sondern die ein anderes Fach dazustudieren mussten. Um diesen aber doch noch eine Chance am Arbeitsmarkt zu geben, wurde alles hineingepackt, was man für niedere Programmiererdienste so gebrauchen kann.
Bestimmt nett gemeint, aber völlig unrealistisch und am Lehramt Meilen vorbei. Die Inhalte kommen da niemals nie nicht vor, andere Veranstaltungen mit mehr Bezug zum Lehrplan sind aber ausgeschlossen.
Nicht für das Leben sondern für die Modulabschlussprüfung lernen wir…
Und zwar ca. 1800 Folien, eng beschrieben, gegen alle Powerpointregeln designed, dazu noch 300 Folien der grottenschlechten Übung. In der haben wir dazu jede Woche ca. 4h in Hausaufgaben investiert, um überhaupt zur Klausur zugelassen zu werden.
Das gibt dann 8 Leistungspunkte.

Ich verstehe mittlerweile warum bundesweit Informatiklehrer fehlen.

Erwartungshaltungen

Boaa… laaangweilig…

Ich bekam die Mitteilung meiner Fachbereichsleitung, dass 3-4 meiner Schüler sich beschwert hätten, dass mein Unterricht langweilig sei.

Ich bin ja quasi ungelernter und daher nicht mit dem Selbstbewusstsein von Referendariat und 20 Jahren Berufserfahrung gesegnet, also machte ich das, was mir in der Situation am effektivsten erschien, ich verfiel sofort im massive Selbstzweifel.

Hab ich mir nicht genug Mühe gegeben? Sind meine Materialien zu hingehuscht, die Methoden zu eintönig? Fragt meine Selbstevaluation durch die SuS die falschen Fragen? Ist das überhaupt der richtige Job für mich?

Also hab ich erst Frau Grade und dann 2 andere Profilehrer (u.a. meine Fachbereichsleitung) über meine Materialien schauen lassen. Zu meiner echten Erleichterung fanden alle, dass das ganz hübsch aufbereitet und methodisch abwechslungsreich ist. Also eigentlich schöner Unterricht. Vielleicht meine Darbietungsform? Ich neige wirklich nicht zu monotonen Lehrervorträgen (Wie sagte mein Rhetorikausbilder? „Als Seminarleiter sind Sie echt unterhaltsam, aber versuchen sie niemals ernsthaft einen Jahresabschluss vorzustellen, das …äh… ist nicht so ihrs.„), also da wird auch nicht der Kern des Problems liegen.

Also wo ist der Haken?

Eines der Kernprobleme ist vermutlich folgendes: Die SuS haben beide Fächer als Wahlkurs das erste Mal.

In Psychologie erwarteten sie anscheinend lustiges Teetrinken mit Befindlichkeitssmalltalk, keine intensive Beschäftigungen mit Texten und Modellen von Freud und Skinner, Zimbardo und Maslow.

Und die Schüler im Wirtschaftskurs freuten sich auf anscheinend legendäre stundenfüllende Computerspielsessions mit Wirtschaftssimulationen, wie es meine Vorgängerin anscheinend gerne gemacht hat. Die übrigens in ihrer Rolle als Fachbereichsleitung wiederum die Erwartungshaltung hat, das viele der Schülerchens Wirtschaft in der Oberstufe wählen. Folglich drängt sie auf mehr Spiele, mehr Lustiges, weniger anspruchsvolles.

Vom Prinzip wollen alle das Gleiche, Edutainment statt Wissenschaft.

Problem: Das ist nicht meines. Ich will das nicht.

Als ich anfing zu studieren, war der Hörsaal voll mit Erstsemestern, die sich globale Konzerne lenken sahen, internationale Marketingkampagnen planen, Börsen zu knacken und gesichtslose Massen von Arbeitern im Produktionsprozess umherschieben, die darauf brannten die höheren Weihen des Business zu erhalten. Diese Erwartungshaltung  wurde durch Vorlesungen wie Einführung in die Makroökonomie, Grundlagen der Buchführung und Jahresabschlusslegung binnen Wochen zerkrümelt und die Reihen dünnten sich aus. Das war Buchhaltung statt CEO, Urschleim statt Global Management, das war Werkzeugkunde statt bildende Kunst. Aber es war notwendig. Und so bekommen meine SuS Grundbegriffe, Modelle, Definitionen und Sichtweisen, halt irgendwie Wissenschaft statt entspanntes Dampfplaudern oder tolle Simulationsspiele am Computer.

So IT affin ich auch bin, Computer haben eine unglaubliche Anziehungskraft auf SuS und dann wird geklickt, gedaddelt, viel über Spiele gequatscht und wenig über das Fach (war beim Hospitieren schön zu sehen). Inhaltlich kommt dazu, dass die Mechanismen in Simulationsspielen meist komplex sind und unsichtbar ablaufen, die SuS also die Simulation als Black Box wahrnehmen („Der Computer rechnet was„). Also mach ich meine spielerischen Simulationen (ja, ich mach welche!) im Klassenzimmer, klassisch mit Papier, vielleicht nicht so bunt, nicht so cool, aber dafür durchschaubar. Nur halt voll lame ohne Rechner. Auch kann ich meine langen Semester im Wissenschaftsbetrieb nicht ganz verleugnen: Ich möchte meine Schüler dazu bringen, mit mir zusammen über eine gewisses Niveauhürde zu springen, dazu gehören halt dummerweise theoretische Modelle und die Vokabeln der Wissenschaft und keine bunten Spiele, die Stunden fressen. Und grad am Anfang eines Faches gehört eine gewisse Definitionsmenge dazu, damit wir alle über das gleiche reden. Da versuch ich bunten methodischen Zuckerguss drauf zu machen, mit Gruppenarbeiten, selbstorganisiertem Lernen, eigenen Handyrecherchen, witzigen Fallstudien, aber man schmeckt das Definitorische halt leicht durch. 

Da die Uni (Ich verdamme universitäre Teamarbeit in die finsterste Niederhölle, wo dieses Konzept Studierende zusammenzuquetschen hergekommen ist) grad sehr anhänglich und aufmerksamkeitsheischend ist, bleibt mir eh grad keine Zeit bestehende Materialien jetzt individuell mehr auf Edutainment zu trimmen. Also muss ich da irgendwie durch, in der Erwartung, dass es im 2 Halbjahr besser wird, wenn wir aus der Anfangs- und Definitionsphase raus sind.

Irgendwas muss ich ja auch mal erwarten.


p.s.

Schule ist unberechenbar: 2 Tage später, 9 Klasse, die renitenteste und eigenwilligste Klasse des Jahrgangs

Das i-Kind mit den massiven sozialen Anpassungsproblemen bestätigt mir nebenbei das ich ein „voll cooler Lehrer“ bin und das Mädel, welches die ganze Zeit schlecht gelaunt mich, meine Methoden und Inhalte anzickt kritisch hinterfragt, verkündet laut, dass sie auf jeden Fall in der 10. Psychologie nehmen will. Und dann bekomme ich von ihr einen Luft-High-Five quer durch den Raum, „weil Sie das gut machen„.

Das hatte ich nicht erwartet.


p.p.s.

Mein aktuelles Fazit? Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwie in der Mitte.

Anscheinend sind die ersten Monate mit mir nicht einfach, aber dann rauft man sich doch zusammen. Ich bleibe bei meinem Anspruch, denn ich glaube an meine Schülerinnen und Schüler, das sie das können, das sie das schaffen, dass sie Wissenschaft statt Edutainment verdient haben und arbeite am Zuckerguss. Den gibt es bestimmt in noch anderen Geschmacksrichtungen.