Der Schmetterling (oder: zweideutige Spontankunst)

Pubertät ist dann, wenn alles witzig wird weil quasi sich alles um Sex dreht. Das hab ich ja auch schon selbst praktisch im Unterricht erlebt. Da werden dann auch mal aus der Eindeutigkeit der Gedanken heraus eindeutige kleine Kunstwerke erstellt, die vermuteter weise in den Augen der lehrenden Obrigkeit wenig Würdigung finden.

Herr Mess hat da einen lesenswerten Artikel geschrieben, in dem der nahende Lehrkörper zu kreativer Umgestaltung des Kunstwerks in einen eindeutig zweideutigen Dackel (wohl weiblichen Ursprungs) führte. Interessanterweise hatte meine mir angetraute Frau Grade einige Tage vorher eine ähnliche Situation gehabt: Bei der Plakatgestaltung zum Thema „Liebe und Beziehung“ waren einem Schüler die Gedanken wohl etwas entglitten und er hatte vergessen, das er das Plakat ja noch vor die Klasse hängen wollte. Und so entstand der recht männlich anmutende Schmetterling. Ich präsentiere ihn hier mal mit freundlicher Genehmigung durch Frau Grade (die sich sehr amüsiert, dass zweideutige Spontankunst anscheinend verbreitet ist).

Aber wie der Schüler bei der Präsentation wohl betonte: „Es ist ein Schmetterling und es war auch immer ein Schmetterling!!!“.

Und hier ist das Kunstwerk:

Der Schmetterling

Streetart

Im Sommer:

Ein Piepen treibt mich aus dem Haus. Der Drucker hat mir sehr nachdrücklich klar gemacht, das er genau jetzt, hier und heute Toner braucht. Während ich zum nächsten Tonerhändler fahre, vermeldet der Wetterbericht eine sehr ernste Unwetterwarnung, andere Landesteile sind schon geflutet.

Eine Parkplatzsuche später suche ich den Druckerfutterfachhandel und komme bei zwei jungen Mädchen vorbei, die unter einer Unterführung sitzen. Sehr jung, sehr punk, sehr pleite und unglaublich verliebt. Da ich zufällig beim nächsten Laden zu viele Dosen Cola und Äpfel kaufe, komm ich mit den Mädels ins Gespräch. Ich geb die Unwetterwarnung an sie weiter und eine erzählt mir in trockenen Worten nebenbei ihre Geschichte, während die andere konzentriert und verbissen malt. Überforderte Eltern in einem kleinen Dorf am anderen Ende der Republik, bürokratische Jugendämter, blöde und sture Lehrer ziehen an mir vorbei, aber auch tolle Festivals, treue Freunde und ein fast schon kitschiges Kennenlernen inkl. Liebe auf den ersten Blick beim tollsten Konzert aller Zeiten. Lauter Dinge, die man so oder ähnlich schon mal gehört, gelesen oder gesehen hat, aber das Leben der beiden Mädchen aus den Bahnen gehoben haben und sie hier unter die Unterführung geführt haben.

Ich bin doch etwas geschockt über beiläufig erzählte Geschichte, aber die beiden sind gut drauf. Ein Passant hat ihnen einen DailyDeal-Gutschein für ein All-you-can-eat-Asia-Buffet geschenkt und die beiden planen ein opulentes und romantisches Dinner und hoffen dabei dem Unwetter zu entgehen.

Ich wünsche ihnen einen schönen Abend und beim Gehen frage ich die schweigsame Malerin, was sie denn malt. Was sie fühlt, sagt sie und ich finde die Antwort doch recht gut. Sie würde unheimlich gerne Künstlerin werden, sagt sie und, auf die Frage warum sie sich denn jetzt noch nicht als Künstlerin sieht, erklärt mir die junge Punkerin die wirtschaftliche Natur der Kunst. Künstler darf sich nur nennen, wer schon mal mindestens ein Werk gegen Geld verkauft hat.

Ich denke mal, dieses Werk einer frischgebackenen Künstlerin war die 5 Euro durchaus wert. Wenn sie weltberühmt geworden ist, ist es vielleicht mal viel wert.

Und wenn nicht, ist es auch noch so.

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