Die Didaktik nach Wong

Unser Professor für Gesellschaft und Didaktik der Informatik (naja, der Lehrstuhl heißt anders, aber es beschreibt die thematische Restekiste der Fakultät, die er zu bearbeiten hat) ist ein sehr studierendenzugewandter, offener und gesprächsbereiter Mensch. Er kann gut zuhören und vermittelt das Gefühl, Studierende in ihren Problematiken ernst zu nehmen und konstruktiv zu unterstützen. Seine Veranstaltungen sind wirklich interessant und aktivierend gestaltet, er vertritt seine Konzepte authentisch und kann auch sehr begeistert ins Fachsimpeln im Gamerjargon geraten.

Aber es geht hier nicht um ihn, sondern um den Doktor, der alle Veranstaltungen der Didaktik hält.

Ich nenne ihn hier einmal Dr. Wong.

Dr. Wongs Eltern kamen offensichtlich vor vielen Jahren von weit her. Er selbst hat in einem fernen Land seine Kindheit verbracht und an der dortigen Uni Informatik studiert und promoviert: Hamburg. Sein Deutsch ist leider etwas holperig, so das man als Lehramtsstudent manchmal auf die Erkenntnisse der Veranstaltung „Deutsch als Zweitsprache“ zurückgreifen muss, um Geduld und Verständnis für Kommunikationsprobleme aufzubringen.

Genaugenommen fühle ich mich absolut unverstanden. Ich bin jetzt nicht auf den Mund gefallen und hab auch reichlich Kommunikationstraining genossen, aber gegen Dr. Wong zu argumentieren ist frustrierend: Entweder er starrt einen ausdruckslos (er schaut immer ausdruckslos) an und wendet sich dann abrupt dem nächsten zu oder er antwortet zu einem Themenkomplex, der aktuell kein Thema ist. Während in anderen Didaktiken Wert auf die Art gelegt wird, wie man Feedback gibt, wie man auf SuS Beiträge reagiert, oder generell wie man sich als Lehrkraft im Lernraum gibt: In der Didaktik nach Wong spielt das alles keine Rolle.

Informatik ist schnelllebig. Der Hype von heute ist der Ramsch von morgen. Es besteht daher noch viel stärker als in anderen Fächern die Notwendigkeit, Inhalte auf Überalterung und Langlebigkeit zu prüfen. Es stellt sich also die Frage ob man

  • praktische Kenntnisse zu MS Word vermittelt, auch wenn diese mit der nächsten Version vielleicht schon obsolet werden könnten,
  • oder ob man zeitloses Grundkonzepte der Textverarbeitung unterrichtet, aus der Idee heraus, dass damit die SuS zwar konkret sofort nichts anfangen können, sie sich dafür aber in Zukunft in jede Textverarbeitung eindenken können.

In der Didaktik nach Wong gibt es nur die zweite Variante, die aber in der reinen Lehre der hohen universitären Abstraktion, da Themen der Motivation und Emotionalität von Lernen hier nicht existieren. Mein Einwand, dass damit sowohl SuS aus den Informatik-Wahlfächern vertrieben (ist ja nicht überall Pflicht), durch das Ausbleiben von zeitnahen Erfolgserlebnissen frustriert und für die Zukunft nicht für das Fach begeistert sondern erst abgeschreckt werden würden, wurde in der korrekten Anwendung der Didaktik nach Wong durch Anstarren und spontanen Themenwechsel akademisch vollständig bearbeitet.

Dr. Wong hat sein Didaktikkonzept sehr gut ausgearbeitet und verinnerlicht. Er hat ihm sein Leben gewidmet und dafür auch auf jegliche praktische Unterrichtstätigkeit an Schulen verzichtet. Laut eigenem Bekunden hat er durchaus mal für eine Informationswoche „MINT-Fächer für Mädchen“ vor Schülerinnen gestanden, zumindest bis sein Chef ihn am 2. Tag durch eine Kollegin ersetzte.

Die Didaktik nach Wong basiert auf Ideen des Konstruktivismus. Die SuS erarbeiten sich ihre Inhalte selbst, in dem sie in einem analysebasierenden Ansatz bestehende Programme lesen und interpretieren, nur wenn noch Zeit ist, darf auch selbst programmiert werden. Durch konsequentes Abstimmen lassen, ob im Lehrervortrag präsentierte Inhalte auf Interesse stoßen oder weggelassen werden können, wird eine intensive Schülerzentrierung geschaffen.

Die Konzepte der Didaktik nach Wong sind alternativlos und im Unterricht unbedingt umzusetzen. Natürlich nicht im Seminar selbst, dort weicht der Konstuktivismus einer konkreten und sauber definierten Aufgabenabarbeitung (die in ihrem Umfang jedoch nicht Eingang in die moderne Leistungspunktberechnung genannt Modulhandbuch findet).

Dr. Wong leitet alle Veranstaltungen und Seminare für Lehrämtler, auch hospitiert er die Praktika. Ich werde daher noch viele Lehreinheiten in der Didaktik nach Wong genießen. Außer vielleicht im Praktikum, Gerüchten nach lässt er seine betreuten Studierenden sich gegenseitig hospitieren und widmet sich der theoretischen Forschung am Lehrstuhl.

Ich wäre darüber nicht traurig.

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Ich will hier raus.

Tag der Papierflieger

Zwei Stunden – Zwei Papierflieger


Psychologie in der 10. , 4 Stunde.

Nach einem Test mach ich gern was entspanntes. Da wir grad Lernpsychologie machen, war mal wieder die perfekte Gelegenheit handlungsorientiert Beobachtungslernen nach Bandura zu vermitteln. Die SuS bilden 4 Gruppen, legen eine Reihenfolge fest, in der sie arbeiten sollen und bekommen einen Stapel Kopierpapier.

Und ein Handout mit einer Faltanleitung für einen Papierflieger, eine original Bauanleitung eines Alphajets, herausgegeben vom Dorniermuseum. Nicht einfach!

Auftrag: Der Reihe nach Papierflieger bauen, Zeit per Handy stoppen, Ergebnis auf die Lehrkraft werfen und dann ist der nächste dran.

Lernziel: Die SuS erkennen, das die Zeiten immer kürzer werden, weil sie alleine durch das Beobachten lernen und potentielle Fehler vermeiden.

Der/die erste braucht meist so ca. 10 Minuten, wenn er/sie nicht entnervt aufgibt. Am Ende können auch schon mal Zeiten unter 2 Minuten rauskommen.

Dieser Kurs war nicht so schnell, die sonst so Selbstbewussten gaben nach 12 Minuten auf, meine nette aber nicht sonderlich helle Laura hatte es als erste nach 8 Minuten geschafft und war sichtlich stolz.

Alles in allem, eine lustige Stunde, perfekt nach einem Test


Szenenwechsel

Psychologie in der 9., 8 Stunde

Viel zu lange andauernde Pubertät paart sich (höhö, er hat paaren geschrieben) mit der 8. Stunde und einer zu früh kommenden Schuljahresenddemotivationsphase (höhö.. er hat …   äh… egal, bestimmt irgendwas mit Sex geschrieben).

Wenn man grade Kommunikationspsychologie macht, bietet es sich an auf hartnäckige Störungen der immer gleichen Person mal mit einem penetranten Hinterfragen und Analysieren dieses Kommunikationsversuches („Was möchtest du mir mit diesem Kommentar denn sagen?“  „Äh… nix?“  „Nein, nein, du wolltest mir was sagen, da möchte ich dir auch den Raum geben wahrgenommen zu werden…“) zu reagieren. Zum einen merkt der Schüler, dass es Aufmerksamkeit zu meinen und nicht zu seinen Bedingungen gibt, Klassenclownanfälle sind auf einmal gar nicht mehr soooo witzig und zum anderen helfen interessanterweise die anderen Schüler mit tatsächlicher Anwendung des Unterrichtsstoffes, in dem sie z.B. die störenden Kommentare nach v.Thun in ihre Ebenen zerlegen und analysieren, sie üben es quasi an einem realen Fall. Man merkt dabei auch deutlich, das die anderen SuS solche Störungen genaugenommen auch gar nicht so lustig finden.

Neu für mich dabei war, das der neben meinem unfreiwilligen Gesprächspartner Sitzende während dessen einen Papierflieger bastelt und mir an den Kopf warf.

Im anschließenden Gespräch über diesen nächsten, doch extrem respektlosen Kommunikationsversuch kam auch keine Entschuldigung oder ein Problembewusstsein irgendeiner Art zutage, nur lahme Erklärungen, die von einem profunden Nichtwissen physikalischer Grundlagen der Aerodynamik zeugten. Also bestellte ich den Schüler inklusive Logbuch nach der Stunde zu mir um auf diesem Weg mein Missfallen für Eltern und Klassenlehrer schriftlich zum Ausdruck zu bringen.

Ich schlug das Logbuch auf und just in dieser Woche zierte eine seitenfüllende Skizze eines behaarten Penis die Doppelseite. Künstlerisch nicht unbedingt wertvoll, aber doch mit einer gewissen  Detailverliebtheit und Protestattitüde. Kommentarlos dokumentierte ich das Verhalten, in dem ich um das Kunstwerk drum rum schrieb und gab das Logbuch dem versteinert schauenden Schüler zurück.

Ich bin gespannt auf die Unterschriften von Eltern und Klassenlehrer.

Lehrerrolle neugedacht

Wenn ich an ein Schulgebäude denke, so sehe ich entweder ein klassisches Gymnasium vor mir, in mehr oder weniger modern und gut erhalten, vor dem sich kreischende Schülerhorden tummeln oder die riesen Blöcke eines OSZs, vor dem unüberschaubare Horden von total semi-erwachsenen Azubis lässig die Klimaerwärmung herbeirauchen.

Jetzt stand ich vor dem Förderzentrum, zu dem mein Workshop-Dozenten-Job mich geschickt hat. Erster Eindruck: Klein. Sehr klein. Und sehr sehr runtergekommen. Da war was: Erinnerungen an meine Grundschule in einem sozial eher schwachen Gebiet kommen auf. Drinnen: Jup. Meine Grundschule. Der gleiche Innendesigner. Trostlose 80er-Jahre-Bausünde trifft auf 25 Jahre Renovierungsstau. Förderzentren scheinen bei der zuständigen Schulbehörde keine Investitionspriorität zu haben.  Aber es ist penibel sauber und umfangreich mit Schülerpostern und anderen Unterrichtsergebnissen dekoriert.

Mein Kollege ist auch schon da, der hat den Vorteil Sonderschulpädagogik zu studieren, der kennt solche Förderzentren. Und bald werden wir orientierungslos Rumstehenden von einem Erzieher aufgegabelt. Jede Klasse hat einen Bezugserzieher, unserer ist klein, gepierced und durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Er bringt uns zur Klasse. Es klingelt grundsätzlich in dieser Schule nicht und zum Stundenbeginn fehlt die Hälfte. Kommen die noch? Schulternzucken der SuS.   Der eine oder andere stehe noch draußen, ob man ihn holen solle…?   Der Erzieher entscheidet auf Nein, jeder kann die Uhr lesen und wer zu spät kommt verpasst halt was. Ich merke schon, hier stehen andere andere Lernziele und Kompetenzen im Vordergrund. Tatsächlich trudeln noch im laufe der Zeit ein paar SuS ein, die einfach zu cool zum pünktlich-sein sind.

2 Frauen schneien in den Raum. Sie sollen hier einen Workshop machen. Wir sind irritiert…  ist das nicht unser Job? Es stellt sich heraus, dass es eine Doppelbuchung gab und wir lassen die beiden mal machen. Hier ticken die Uhren anders. 45 Minuten erleben wir so eine pädagogische Einheit zum Thema Zahnhygiene und Zähneputzen für 10. Klässler, bevor ich mir mit meinen 4 Jungs einen eigenen Raum suche. Eigentlich sollten es 2 mehr sein, aber … naja, sind halt nicht da.

Die letzten beiden Tage waren Kollegen da und haben Workshops zum Thema Themenfindung und Recherche gemacht. Oben angekommen frage ich mal, welche Themen die Jungs sich so ausgesucht haben für ihre Präsentationen:

  • „Playstation“
  • „Battlefield 4“
  • „Anime“
  • *keine Antwort, nur Schweigen*

Der Schweiger erinnert mich an Kenny, er hat sich in seine Jacke verkrochen und wird die nächsten 2 Tage in meiner Anwesenheit auch nichts sagen. Also lass ich ihn mit dem souverän daherkommenden „Ich brauch keine Notizen, ich hab alles im Kopf“-Macher zusammen an dem Playstation-Vortrag arbeiten. Der Anime-Fan ist ein ganz Überschwenglicher, der vor Begeisterung immer sein Shirt halb auszieht und vom Platz aufspringt. Der Battlefield-Experte ist genau das… ein Experte. Ich hab ja etwas Ahnung, aber er ist kaum zu bremsen.

Eine interessante Lerngruppe hab ich da.

Der Tag vergeht wie im Fluge. Die Jungs machen mit, sind begeistert, neugierig, interessiert. Es ist fachlich nicht mit Gymnasialunterricht zu vergleichen, die Geschwindigkeit ist langsam, immer wieder muss ich meine Fachworte erklären, die mir so rausrutschen und manchmal brauchen die Jungs einfach ein paar Minuten um die Konzentration wieder zu finden. Ich gebe ihnen den Raum den sie brauchen, dafür bemühen sie sich auf meine Ansage hin auch wieder zum Thema zu kommen.

Beeindruckend ist die Begeisterung: sie ist echt und direkt. Ich erkläre Formalia, Aufbau und Struktur einer Präsentation und die Jungs haben Spaß, wir kommen voran, langsam aber dann doch im Zeitplan. Nachdem ich ihnen die Grundzüge einer Argumentation erklärt habe, bricht sogar eine genau an den Regeln laufende Diskussion über den Sinn und Unsinn von Schuluniformen aus. Ich steh staunend daneben. Selten hab ich so direkt einen Lerneffekt gesehen. Meine Kernaufgabe entpuppt sich sehr schnell als das Kanalisieren der Begeisterung und die Konzentration der Begeisterung auf das Präsentationstauglichste, da sie unglaublich gerne ihr Fachwissen in epischer Breite darstellen wollen. Ich habe das Gefühl, das sie selten mal im Alltag mit Wissen glänzen können und den Moment grade genießen. Zum Abschluss des Tages stimmen alle (bis auf Kenny, der sagt nichts dazu) dafür, Powerpoint statt so altmodischer Plakate zu machen und sie bekommen den Auftrag zum nächsten Tag einen Computerraum zu organisieren.

Es klappt. Am nächsten Tag recherchieren sie im PC-Raum zu ihren Themen und bauen ihre PPPs auf, ich gebe eigentlich nur Hilfestellung beim Abgrenzen von Wichtigem zum „Zuviel Details“.  Der Macher delegiert das Schreiben vollständig in bester Chef-Manier an seinen Sekretär Kenny. Ich überlege ob ich interveniere, auf eine gerechtere Arbeitsverteilung poche, entscheide mich aber dagegen. Neudenken. Kenny ist nicht gut im Entscheiden, der Macher nicht gut im Schreiben, im Team ergänzen sich beide und wirken zufrieden. Gerecht meint hier nicht Gleich und Gleich sondern Stärke und Stärke. Anders Denken.

Für den Nachmittag sind die Präsentationen angesagt, auch 3 Lehrkräfte wollen kommen. Die Jungs sind nervös. Ich auch.  Ich mache eine Stunde zum Thema Lampenfieber und Entspannung, der Überschwengliche bemüht sich es umzusetzen, hüpft aber immer wieder halbnackt durch den Raum, je näher die Präsentationen kommen.  Der Battlefield-Experte ist im Schockzustand, einer der angekündigten Lehrer zockt selber Battlefield und diese ehrfurchtseinflössende Instanz kommt nun um ihn in seinem Fachwissen zu richten und abzuwägen. Der Macher und Kenny werden immer hektischer, der Macher laut, Kenny schweigend.

Pause. Draußen verkaufen die Schülerinnen und Schüler aus dem Hauswirtschaftskurs ihre selbstgeschmierten Brötchen. Praktisches Lernen steht hier im Vordergrund, das Förderzentrum hat 3 Schülerfirmen, eine davon macht Catering. Spannend.

Die Präsentationen laufen wirklich wirklich toll. Die Jungs geben sich Mühe, nutzen das Erlernte und platzen sichtlich vor Stolz, das die Lehrkräfte das auch durch die Bank sehr positiv wertschätzen. Sie empfehlen die Präsentationen als Grundlage für die Abschlussprüfung zu verwenden.

Auch wenn ich nie erfahren werde, wie viel davon jetzt wirklich langfristig hängen geblieben ist: Ich bin stolz auf meine Jungs.


 

Im Nachgang erfahre ich, das alle davon aufgrund von attestierte Lernbehinderungen hier im Förderzentrum sind, bis auf den Experten, der aufgrund einer ausufernden Drogenkarriere bis zur 9. Klasse den Anschluss verpasst hatte und hier weitermacht. Und das sie der umgänglichere Teil der Klasse sind.

Ich nehme für mich mit, das Lehrer sein auch solche Lerngruppen bedeuten kann. Und das das auch erfüllend sein kann.

Das Neudenken hat sich gelohnt.

Erwartungshaltungen

Boaa… laaangweilig…

Ich bekam die Mitteilung meiner Fachbereichsleitung, dass 3-4 meiner Schüler sich beschwert hätten, dass mein Unterricht langweilig sei.

Ich bin ja quasi ungelernter und daher nicht mit dem Selbstbewusstsein von Referendariat und 20 Jahren Berufserfahrung gesegnet, also machte ich das, was mir in der Situation am effektivsten erschien, ich verfiel sofort im massive Selbstzweifel.

Hab ich mir nicht genug Mühe gegeben? Sind meine Materialien zu hingehuscht, die Methoden zu eintönig? Fragt meine Selbstevaluation durch die SuS die falschen Fragen? Ist das überhaupt der richtige Job für mich?

Also hab ich erst Frau Grade und dann 2 andere Profilehrer (u.a. meine Fachbereichsleitung) über meine Materialien schauen lassen. Zu meiner echten Erleichterung fanden alle, dass das ganz hübsch aufbereitet und methodisch abwechslungsreich ist. Also eigentlich schöner Unterricht. Vielleicht meine Darbietungsform? Ich neige wirklich nicht zu monotonen Lehrervorträgen (Wie sagte mein Rhetorikausbilder? „Als Seminarleiter sind Sie echt unterhaltsam, aber versuchen sie niemals ernsthaft einen Jahresabschluss vorzustellen, das …äh… ist nicht so ihrs.„), also da wird auch nicht der Kern des Problems liegen.

Also wo ist der Haken?

Eines der Kernprobleme ist vermutlich folgendes: Die SuS haben beide Fächer als Wahlkurs das erste Mal.

In Psychologie erwarteten sie anscheinend lustiges Teetrinken mit Befindlichkeitssmalltalk, keine intensive Beschäftigungen mit Texten und Modellen von Freud und Skinner, Zimbardo und Maslow.

Und die Schüler im Wirtschaftskurs freuten sich auf anscheinend legendäre stundenfüllende Computerspielsessions mit Wirtschaftssimulationen, wie es meine Vorgängerin anscheinend gerne gemacht hat. Die übrigens in ihrer Rolle als Fachbereichsleitung wiederum die Erwartungshaltung hat, das viele der Schülerchens Wirtschaft in der Oberstufe wählen. Folglich drängt sie auf mehr Spiele, mehr Lustiges, weniger anspruchsvolles.

Vom Prinzip wollen alle das Gleiche, Edutainment statt Wissenschaft.

Problem: Das ist nicht meines. Ich will das nicht.

Als ich anfing zu studieren, war der Hörsaal voll mit Erstsemestern, die sich globale Konzerne lenken sahen, internationale Marketingkampagnen planen, Börsen zu knacken und gesichtslose Massen von Arbeitern im Produktionsprozess umherschieben, die darauf brannten die höheren Weihen des Business zu erhalten. Diese Erwartungshaltung  wurde durch Vorlesungen wie Einführung in die Makroökonomie, Grundlagen der Buchführung und Jahresabschlusslegung binnen Wochen zerkrümelt und die Reihen dünnten sich aus. Das war Buchhaltung statt CEO, Urschleim statt Global Management, das war Werkzeugkunde statt bildende Kunst. Aber es war notwendig. Und so bekommen meine SuS Grundbegriffe, Modelle, Definitionen und Sichtweisen, halt irgendwie Wissenschaft statt entspanntes Dampfplaudern oder tolle Simulationsspiele am Computer.

So IT affin ich auch bin, Computer haben eine unglaubliche Anziehungskraft auf SuS und dann wird geklickt, gedaddelt, viel über Spiele gequatscht und wenig über das Fach (war beim Hospitieren schön zu sehen). Inhaltlich kommt dazu, dass die Mechanismen in Simulationsspielen meist komplex sind und unsichtbar ablaufen, die SuS also die Simulation als Black Box wahrnehmen („Der Computer rechnet was„). Also mach ich meine spielerischen Simulationen (ja, ich mach welche!) im Klassenzimmer, klassisch mit Papier, vielleicht nicht so bunt, nicht so cool, aber dafür durchschaubar. Nur halt voll lame ohne Rechner. Auch kann ich meine langen Semester im Wissenschaftsbetrieb nicht ganz verleugnen: Ich möchte meine Schüler dazu bringen, mit mir zusammen über eine gewisses Niveauhürde zu springen, dazu gehören halt dummerweise theoretische Modelle und die Vokabeln der Wissenschaft und keine bunten Spiele, die Stunden fressen. Und grad am Anfang eines Faches gehört eine gewisse Definitionsmenge dazu, damit wir alle über das gleiche reden. Da versuch ich bunten methodischen Zuckerguss drauf zu machen, mit Gruppenarbeiten, selbstorganisiertem Lernen, eigenen Handyrecherchen, witzigen Fallstudien, aber man schmeckt das Definitorische halt leicht durch. 

Da die Uni (Ich verdamme universitäre Teamarbeit in die finsterste Niederhölle, wo dieses Konzept Studierende zusammenzuquetschen hergekommen ist) grad sehr anhänglich und aufmerksamkeitsheischend ist, bleibt mir eh grad keine Zeit bestehende Materialien jetzt individuell mehr auf Edutainment zu trimmen. Also muss ich da irgendwie durch, in der Erwartung, dass es im 2 Halbjahr besser wird, wenn wir aus der Anfangs- und Definitionsphase raus sind.

Irgendwas muss ich ja auch mal erwarten.


p.s.

Schule ist unberechenbar: 2 Tage später, 9 Klasse, die renitenteste und eigenwilligste Klasse des Jahrgangs

Das i-Kind mit den massiven sozialen Anpassungsproblemen bestätigt mir nebenbei das ich ein „voll cooler Lehrer“ bin und das Mädel, welches die ganze Zeit schlecht gelaunt mich, meine Methoden und Inhalte anzickt kritisch hinterfragt, verkündet laut, dass sie auf jeden Fall in der 10. Psychologie nehmen will. Und dann bekomme ich von ihr einen Luft-High-Five quer durch den Raum, „weil Sie das gut machen„.

Das hatte ich nicht erwartet.


p.p.s.

Mein aktuelles Fazit? Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwie in der Mitte.

Anscheinend sind die ersten Monate mit mir nicht einfach, aber dann rauft man sich doch zusammen. Ich bleibe bei meinem Anspruch, denn ich glaube an meine Schülerinnen und Schüler, das sie das können, das sie das schaffen, dass sie Wissenschaft statt Edutainment verdient haben und arbeite am Zuckerguss. Den gibt es bestimmt in noch anderen Geschmacksrichtungen.

Chronik einer Abgabefrist

Hier ein Gastbeitrag meiner mir angetrauten Frau Grade, ihres Zeichens Studienrätin.

Der Deutschkurs der 12. hatte 8 Gruppen gebildet und sollte in Gruppenarbeit binnen ca. 2 Wochen Lernpapiere produzieren und abgeben. Allgemein anerkannte Abgabefrist war ein Freitag.

Also… theoretisch… 


  • T-12: Montag, 21.02 Uhr:

21.02 Uhr: Die Lehrerin Frau Grade verschickt via Lernplattform die Aufgabenstellung für die Stunden, die wegen div. Projekte auf Lehrer und Schülerseite nicht von ihr unterrichtet werden können. Daher gibt sie eine weitestgehend als Wiederholung und für die Vorbereitung auf das Abitur gedachte Aufgabenstellung, die fürs Lernen allen zugute kommen sollte.
Frist für die Abgabe: übernächsten Freitag 18.00 Uhr (im folgenden als T bezeichnet)  …also 12 Tage für die Bearbeitung

  • T-3: Dienstag

09.45 Uhr: Schülerin A spricht Frau Grade im Flur an und teilt ihr mit, dass sie Schwierigkeiten hat, die Aufgabe fristgerecht zu schaffen. Sie erbittet Fristverlängerung bis Sonntag (T+2). Diese wird gewährt.

  • T-1: Donnerstag

08.45 Uhr: Schüler B fällt aus allen Wolken, als Schüler C ihn daran erinnert, dass morgen (Freitag) die Abgabefrist ist. Schüler B ist arg überrascht, dachte er doch, Montag (T+3) reicht doch auch.

11.00 Uhr: Schülerin D steht verzweifelt vor dem Lehrerzimmer, weil sie ihre Datei nicht verschicken kann. Diese existiere nur auf dem Schulrechner und stürzt immer ab, wenn sie diese verschicken möchte. Aber morgen könne D die Aufgabe nicht einreichen, denn sie sei nicht in der Schule. Wandertag! Da auch kein USB-Stick zur Hand ist, kommen Schülerin D und Frau Grade auf die tolle Idee, man könne ja die Datei ausdrucken und ins Fach legen…so ganz analog. Klappt!

  • T-0: Freitag – Abgabetag!

16.00 Uhr: Zwei Lernpapiere landen im Email-Postfach von Frau Grade. Sogar das von Schüler B ist da, der ja eigentlich dachte, nächsten Montag wäre erst Fristende. Große Freude bricht aus und Frau Grade beginnt ihren Wochenendeinkauf.

16.32 Uhr: Frau Grade steht auf dem Parkplatz vom Supermarkt und das Handy macht „Ping“. Nachricht von Schülerin E. Das WLan funktioniere nicht und das Lernpapier lagere nur auf dem Laptop und könne daher auch nicht übers Handy versendet werden, mit dem dieser Mail-Hilferuf gesendet wird. Frau Grade stellt sich neben die Einkaufswagen und tippt Hilfsangebote.

17.13 Uhr: Frau Grade steht beim Kühlregal, als das Handy wieder pingt. Schülerin F hat auch kein Wlan und bittet um Fristverländerung. Frau Grade ist wieder mal ein Schaf und gewährt diese. Da sie die Schülerin nicht zu lange im Unsicheren lassen möchte, schreibt sie diese Antwort während sie in der Schlange an der Kasse steht. Schülerin F bedankt sich artig.

18.00 Uhr: DEADLINE! Die Frist ist um! Eingereicht haben bisher ganze 3 Gruppen von 8!!!

18.22 Uhr: Schülerin E hat jetzt doch wieder WLan, Halleluja! Sie sendet die Datei zunächst als odt und 2 Min. später als pdf. Sehr schön!

  • T+1: Samstag

13.47 Uhr: Frau Grade sitzt nach einem Schulevent beim Essen. Juhuu, eine Mail. Schülerin F hat mit der Hilfe eines Freundes der Familie das Wlan repariert und sendet ihr Lernpapier.

  • T+2: Sonntag

15.35 Uhr: Frau Grade bereitet den Unterricht vor und stellt schon mal die vorhandenen Beiträge auf die Lernplattform ein.

19.35 Uhr: Frau grade nimmt im Kino Platz und will gerade den Klingenton ausschalten. Oh, schau mal, Schülerin A sendet ihre Datei als…rtf??? Was ist das? Naja, Handy kanns nicht öffnen, aber am heimischen Rechner geht es. Keine Ahnung, ob das Format dabei erhalten geblieben ist.

22.15 Uhr: Frau Grade verlässt das Kino und wirft einen Blick aufs Handy. Schüler G meldet sich erstmals. Er habe versucht auf Windows 10 umzustellen, aber das hat nicht geklappt. Deshalb sendet er jetzt das Lernpapier (Posteingang 21.20 Uhr). Weshalb er nicht vorher schon Frau Grade kontaktiert hat, um von dem Problem zu berichteten, bleibt ein Rätsel.

23.00 Uhr: Frau Grade beschließt, diese Irrungen und Wirrungen festzuhalten. Vielleicht lernt ja wer was daraus. Im Übrigen sind bis um 23.40 Uhr 7 von 8 Lernpapieren eingegangen. Frau Grade beschließt ins Bett zu gehen.

  • T+3: Montag

10:00 Uhr: Das Rätsel des letzten ausstehenden Lernpapiers löst sich. Die Gruppe hatten die Arbeit bereits nach einer Woche fertig und einer der Gruppenmitglieder wollte es noch überarbeiten und dann einschicken. Zerknirscht musste er seiner Partnerin erklären, dass er eben dieses vergessen hatte. Er reicht es auf Papier rein.

12:00 Uhr: Frau Grade überlegt, wie man dieses Drama jetzt in Noten übersetzt.


Auf und Ab

Mittwoch: 3 Stunden Wirtschaft, 10. Klasse

Ich bin unsicher. Der Wirtschaftsunterricht kam spontan, ich entwickel die Reihe und die einzelnen Stunden just-in-time im Vorfeld. Das Praktikum und die Hausarbeit lassen mir nicht den Freiraum, den ich gerne hätte. Also klopfenden Herzens zur 1. Stunde hinein.

Die Schüler machen mit, folgen meinen (leider in der jetzigen Phase notwendigen) Definitionen mit der richtigen Mischung aus Anzweifeln und Aufnehmen. Aus den Schülerbeiträgen erkenne ich das die Vokabeln und Inhalte der letzten Stunden nicht ganz verschüttet sind. Das Unterfangen mal eben 20 Minuten Unterrichtszeit durch erhöhte Schlagzahl aufzuholen klappt. Sogar das Referat zum homo oeconomicus ist gut recherchiert und die SuS denken mit. Zweifel kommt auf, dass der egoistische Eigennutzmaximierer überhaupt in der Realität existiert. Als Belohnung lasse ich sie gegeneinander beim „Duell der Ölkonzerne“ die perfekte Strategie suchen, laut den mit siegessicherer Stimme vorgetragenen Selbstbekundungen haben einige Schüler sie gefunden: Lügen und Täuschen. Sie werden sehen, wie erfolgreich man damit in einem nur dünn kaschiertem Prisoners Dilemma Spiel ist… Auf jeden Fall haben sie dann mal dem Eigennutzmaximierer in sich die Hand gegeben.

Ich geh voller Begeisterung nach Hause. Lehrersein ist voll toll.

Donnerstag: 4 Stunden Psychologie, 9. und 10. Klasse

Ich gehe selbstsicher in die Klasse. Psychologie hab ich letztes Jahr alles schon einmal gemacht. Natürlich war nicht alles toll, aber jetzt brauch ich nur noch optimieren, Ballast rauswerfen, mehr am Schüler ausrichten und alles rausnehmen, was nicht geklappt hat. Das wird entspannt.

Die 9. ist überfordert. Restlos. Die Fragen sind nicht zu beantworten, der Text viel zu schwer. Die Lerneinheit habe ich zehnmal schon gemacht, diese Klasse geht in den Streik. Ich frage sie, was ich ändern kann, damit es für sie möglich scheint. Die Schüler sind irritiert und glauben mir nicht, das die Frage wirklich ernst gemeint ist. Zögerlich schlagen sie dann Gruppenarbeit in größeren Gruppen vor. Dann geht es … schleppend.   Ich mach mir eine geistige Notiz, dass Leistungsniveau der Klasse im Auge zu behalten und mich intensiver mit den Nachteilsausgleichen zu beschäftigen, die mir der Klassenlehrer ins Fach gelegt hat. Immerhin tauchen die Namen von  ca. einem Viertel der Schüler der Klasse darauf auf…

Die Doppelstunde in der 10. ist zäh. Sehr zäh. Das Gruppenpuzzle ist irgendwie als Methode anscheinend unbekannt. Ich werde gefragt, wie die eine Frage bitte beantwortet werden soll, wenn die Lösung nicht auf den Sachtextzetteln steht. Ich schlage eigene geistige Leistung und Fantasie vor und werde ungläubig angestarrt. Aufgaben die nicht nur darin bestehen, Worte von Zettel A nach Zettel B zu übertragen scheinen überraschend zu kommen. Wir werden uns noch aneinander gewöhnen müssen.

9. Klasse, 8. Stunde. Die Stundenwiederholung zieht sich über 20 Minuten. Nichts ist präsent, alles wird angezweifelt, es wird rumgeschrien, durcheinandergebrüllt. Ich versuche Wissen zu sortieren und bekomme volles Gegenfeuer: „Aber wenn das anders ist…“ „Ich kann Gedanken lesen, sie denken an Brötchen“   „Beobachtbares Verhalten? Man kann auch Steine beobachten.“    „Gedankenexperiment? Ok, dann bin ich der perfekte Gedankenleser, dann klappt das eben doch.“    „Ich hab nen Artikel gelesen, da stand [totaler Blödsinn, ca. 4 Minuten langatmig ausgewalzt] drin.“     In brutto 45 Minuten bekomme ich netto 10 Minuten geplante Wissensvermittlung unter. Schüler sind genervt von mir, weil ich ihre kruden Ideen keinen Raum gebe und darauf bestehe, dass das hier irgendwie doch noch Schulunterricht ist. Ich starre zum Fenster: Erster Stock, keine gefährliche Höhe, unten ist Rasen… selber springen um zu flüchten? Nein, keine Option, es gibt mindestens ein halbes Dutzend SuS, die sichtbar gerne beim Thema bleiben würden. Ein Lehrer verlässt als letztes den sinkenden Unterrichtsversuch. Ich könnte die 5 pubertierenden „Aber es könnte doch sein, dass…„-Sager einfach hinaus….?  Hm. Spontane Ideen sind nicht immer die Besten, aber diese gewinnt minütlich an Charme. Klingeln erlöst uns gegenseitig aus der Situation. Ich mach mir geistig eine Notiz, die nächste Stunde mit einer 5-minütigen schriftlichen Stundenwiederholung zu beginnen.

Ich geh voller Frust nach Hause. Lehrersein überlege ich mir nochmal.

Sternminuten mit humanistischer Psychologie

Lerneinheit „Humanistische Psychologie“ in der 10.
Idee der Stunde: Die SuS sollen anhand eines Ausschnitts aus einer nichtdirektive Gesprächstherapie von und nach C. Rogers die grundlegende Haltung des Therapeuten und die Grundidee der Therapie herausfinden: Wertschätzend dem Klienten gegenüber, nicht bewertend dem Erzählten gegenüber, permissive Gesprächsathmosphäre, usw. usw.

In dem dargestellten Therapiegespräch erzählt eine junge Dame von ihrem Problem ein Ziel im Leben zu finden und der Therapeut unterstützt sie dabei, in dem er ihre Aussagen spiegelt, paraphrasiert (reframing), zusammenfasst und negative Selbstbewertung herausnimmt.

Heiliger Zorn umwölkt die Stirn von M. und dann bricht es aus ihm heraus:

M:  „Was ist denn das fürn Scheiss. Er plappert einfach nach was sie sagt, kassiert dick Kohle und hilft ihr nicht. Ich werd auch Therapeut„.

Q: „???“

M: „Na, ich meine, der macht doch nix. Er quatscht einfach nach was sie sagt. Ist doch irgendwie scheisse.

Q: „Du meinst, das hilft ihr nicht.

M: „Ja, genau, wie soll denn das bitte helfen? Also ich fände das voll assi wenn da einer nur nachplappert wenn ich voll das Problem hab!!

Q: „Dich würde es also stören, weil du dich dann alleine gelassen vorkämst.

M: „Und wie! Und dafür will der auch noch Geld!

Q: „Also nicht nur alleine gelassen, sondern auch irgendwie betrogen.

M: „Genau, genau! Der betrügt sie! Das wollt ich sagen, der verarscht sie und sie glaubt, das ihr geholfen wird!“

Q: „Du würdest dich also betrogen und für dumm verkauft vorkommen.

M: „Jajaja! Nur nachplappern kann ja nicht helfen irgendwelche Probleme zu lösen!!

Q: „Was habe ich grade gemacht?

M: <verwirrter Blick> „….“ <blitzartige Erkenntnis>

Q: „Hats geholfen deine Gedanken zu sortieren?

M: <leise> „Ja.

Klasse: <grosse Augen>

 

Hachja…