Tag der Papierflieger

Zwei Stunden – Zwei Papierflieger


Psychologie in der 10. , 4 Stunde.

Nach einem Test mach ich gern was entspanntes. Da wir grad Lernpsychologie machen, war mal wieder die perfekte Gelegenheit handlungsorientiert Beobachtungslernen nach Bandura zu vermitteln. Die SuS bilden 4 Gruppen, legen eine Reihenfolge fest, in der sie arbeiten sollen und bekommen einen Stapel Kopierpapier.

Und ein Handout mit einer Faltanleitung für einen Papierflieger, eine original Bauanleitung eines Alphajets, herausgegeben vom Dorniermuseum. Nicht einfach!

Auftrag: Der Reihe nach Papierflieger bauen, Zeit per Handy stoppen, Ergebnis auf die Lehrkraft werfen und dann ist der nächste dran.

Lernziel: Die SuS erkennen, das die Zeiten immer kürzer werden, weil sie alleine durch das Beobachten lernen und potentielle Fehler vermeiden.

Der/die erste braucht meist so ca. 10 Minuten, wenn er/sie nicht entnervt aufgibt. Am Ende können auch schon mal Zeiten unter 2 Minuten rauskommen.

Dieser Kurs war nicht so schnell, die sonst so Selbstbewussten gaben nach 12 Minuten auf, meine nette aber nicht sonderlich helle Laura hatte es als erste nach 8 Minuten geschafft und war sichtlich stolz.

Alles in allem, eine lustige Stunde, perfekt nach einem Test


Szenenwechsel

Psychologie in der 9., 8 Stunde

Viel zu lange andauernde Pubertät paart sich (höhö, er hat paaren geschrieben) mit der 8. Stunde und einer zu früh kommenden Schuljahresenddemotivationsphase (höhö.. er hat …   äh… egal, bestimmt irgendwas mit Sex geschrieben).

Wenn man grade Kommunikationspsychologie macht, bietet es sich an auf hartnäckige Störungen der immer gleichen Person mal mit einem penetranten Hinterfragen und Analysieren dieses Kommunikationsversuches („Was möchtest du mir mit diesem Kommentar denn sagen?“  „Äh… nix?“  „Nein, nein, du wolltest mir was sagen, da möchte ich dir auch den Raum geben wahrgenommen zu werden…“) zu reagieren. Zum einen merkt der Schüler, dass es Aufmerksamkeit zu meinen und nicht zu seinen Bedingungen gibt, Klassenclownanfälle sind auf einmal gar nicht mehr soooo witzig und zum anderen helfen interessanterweise die anderen Schüler mit tatsächlicher Anwendung des Unterrichtsstoffes, in dem sie z.B. die störenden Kommentare nach v.Thun in ihre Ebenen zerlegen und analysieren, sie üben es quasi an einem realen Fall. Man merkt dabei auch deutlich, das die anderen SuS solche Störungen genaugenommen auch gar nicht so lustig finden.

Neu für mich dabei war, das der neben meinem unfreiwilligen Gesprächspartner Sitzende während dessen einen Papierflieger bastelt und mir an den Kopf warf.

Im anschließenden Gespräch über diesen nächsten, doch extrem respektlosen Kommunikationsversuch kam auch keine Entschuldigung oder ein Problembewusstsein irgendeiner Art zutage, nur lahme Erklärungen, die von einem profunden Nichtwissen physikalischer Grundlagen der Aerodynamik zeugten. Also bestellte ich den Schüler inklusive Logbuch nach der Stunde zu mir um auf diesem Weg mein Missfallen für Eltern und Klassenlehrer schriftlich zum Ausdruck zu bringen.

Ich schlug das Logbuch auf und just in dieser Woche zierte eine seitenfüllende Skizze eines behaarten Penis die Doppelseite. Künstlerisch nicht unbedingt wertvoll, aber doch mit einer gewissen  Detailverliebtheit und Protestattitüde. Kommentarlos dokumentierte ich das Verhalten, in dem ich um das Kunstwerk drum rum schrieb und gab das Logbuch dem versteinert schauenden Schüler zurück.

Ich bin gespannt auf die Unterschriften von Eltern und Klassenlehrer.

Rollenwechsel für Fortgeschrittene

Es gibt einen Tag der Woche, an dem ist Flexibiltät gefordert, 3 Stunden Schule als fachkompetenter Lehrer, dann 3 Veranstaltungen in der Uni als unwissender Student. So auch heute. Das Schuljahr neigt sich dem Ende und die Sommerferienkriechen langsam näher und treiben die 4 apokalyptischen Reiter des Schulwesens vor sich her, die Vorboten des Schuljahresende: Abschlusstest, Notenschluss, Zeugniskonferenz und Wahnsinn. Im Lehrerzimmer liegen die Nerven der Kollegen merklich blank und auch meine 10 ist (nach den Ergebnissen des abschliessenden Tests) zu nichts mehr zu gebrauchen, fertig, alle, ausgelaugt und vom Klausurenmarathon völlig durch. Immerhin hatten sie sich (sehr zum entsetzen der üblichen Verdächtigen) dann doch noch ein fachliches Thema für die letzten Stunden gewünscht: Kommunikationspsychologie. Also habe ich eine Portion Kommunikationsquadrat von Friedemann Schulz von Thun to go aus dem Material der 9. gebastelt und tatsächlich noch sowas wie einen fahlen Funken von Interesse in ausgebrannte Schüleraugen gebracht, auch wenn es war als würde ich einem Schokoladenpudding den Salto beibringen wollen. Aber der Verweis auf potentielle Anwendbarkeit bei Beziehungsstress zieht bei Kommunikation eigentlich immer und es wurde immerhin dann doch eine Stunde, von der ich mich in dem unbegründeten Glauben wiegen kann, ihnen noch was fürs Leben mitgegeben zu haben. Also mach ich mich auf den Weg ins Seminar „Vorbereitung auf den Erstkontakt mit Schülern im Rahmen eines Praktikums„, eine Stunde später lausche ich dem Thema heute: Kommunikation im Unterricht. 2 Studierende referieren hübsch gemacht aber schlecht recherchiert über die Kommunikationstheorie von „Friedensreich Schulz und Thun, den Vornamen von dem Thun hab ich nicht gefunden“ und die Dozentin fordert nachdrücklich dazu auf, gut zuzuhören, denn das könnte mal wichtig sein. Ich halte den Mund. Müde schliesse ich meine Augen. Das Hufgetrappel der apokalyptischen Reiter verhallt in den Unifluren. Der Rollenwechsel ist heute zu hart für mich.

Man wird sich ja nochmal wundern dürfen…

Könnten Sie…?

Na klar kann ich bei einem Wirtschaftskurs in der 11. Klausuraufsicht machen. Die SuS schreiben vor sich hin, keine besonderen Vorkommnisse.

Also nehm ich mir mal neugierigerweise die Klausuraufgabe: „Beschreiben Sie die im folgenden Artikel angesprochenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen und erläutern Sie die dargestellten Konsequenzen.“ Irgendwie so war die Aufgabe, nichts wildes, Text lesen, verstehen, weiterdenken. Dann lese ich mir den Artikel durch und bin irritiert: Es ist eine irgendwie andere Darstellung von Wirtschaftspolitik, seltsam polemisch geschrieben, mit offenen und suggestiven Frage und Konsequenzen, auf die ich als studierter 240creditpoints-Hai (mit Studienschwerpunkt Wirtschaftspolitik) so nicht kommen würde.

Ein Blich auf die Quelle: „Deutsche Wirtschafts Nachrichten„. Ahja.

Für alle denen das jetzt nichts sagt:

Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten sind der Kopp-Verlag für “irgendwas mit Wirtschaft”. Das Geschäftsmodell ist einfach erklärt: Möglichst hysterische Untergangsszenarieren an die Wand malen, damit unbedarfte Leserinnen und Leser auf allen Kanälen alle ihre Kontakte darauf hinweisen, die das wiederum anklicken (sollen) und damit wird dann mit wenig Aufwand viel Werbung verkauft. Je reißerischer, je mehr Weltuntergang und Verschwörungstheorie dabei ist, umso besser verkauft sich eine Geschichte. Das ist alles recht geschickt gemacht, nur leider ist an den Geschichten meistens nicht viel dran. Es werden Tatsachen verdreht und dass der Weltuntergang dann doch nicht kommt, geht leider in der Regel unter. Vielleicht weil in der Zwischenzeit der nächste bevorstehende Weltuntergang kommuniziert wird.

Quelle: netzpolitik.org: „Medienkompetenz für Einsteiger: Deutsche Wirtschafts Nachrichten“

Als ich dem Kurslehrer dann kurz über das Nichtvorfallen von Vorfällen berichte, frage ich beiläufig nach, wieso er diesen Artikel ausgewählt hat, immerhin sind die DWN ja „…doch nicht unumstritten…“ (ich habe mich bemüht es wertungsneutral zu formulieren).

Seine Antwort war: „Naja, also ähm, die sind so schön deutlich in ihrer Beschreibung und so können die SuS mal lernen Texte kritisch zu hinterfragen.“

Vielleicht liegt es daran, das ich kein Referendariat habe und ich maße mir daher auch nicht an, einen gestandenen Lehrer zu kritisieren… ABER: Diese Quellenwahl als Material für einen neutralen und wissenschaftlichen Wirtschaftsunterricht halte ich für doch diskussionsfähig.

Genaugenommen finde ich die kommentarlose Nutzung von verschwörungstheoretischem und neurechten Propagandamaterial als „seriöse“ Quelle in einer Klausur, bei der die SuS vertrauensvoll und unkritisch an die Quelle herangehen und für eine kritische Auseinandersetzung schon rein zeitlich keine Möglichkeit ist (sofern dieses nicht Teil der Aufgaben ist), totalen Mist.

The Times They Are a-Changin’

Herr Rau hat was über Anwesenheit bei Vorlesungen geschrieben, das Universitäten häufig eine Anwesenheitspflicht ignorieren und das früher irgendwie anders war. Da ich ja aus eigener Erfahrung das alte und neue Studiensystem vergleichen kann, hab ich das beim Herrn Kollegen kommentiert. Und ich möchte das auch hier noch mal rein stellen, da ich denke, dass das vielleicht doch ganz interessant sein könnte, als wenig bekannte Implikation des BA/MA Systems. (Wem das zu lang ist, unten gibts bei tl;dr (Too long; didn’t read) die Kurzfassung,

Here we go:

Die Zeiten haben sich verändert.
Aus gegeben Umständen hatte ich das Vergnügen, mir von einem Professor anlässlich einer Anrechnung den Unterschied zwischen alten Diplom-/ Staatsexamensstudien und neuen BA/MA Studien erklären zu lassen:
Während die alte Studienform leistungsorientiert war, dh. der Schein belegte und benotete eine Leistung, bei der es allen egal war wann und wie die erbracht wurde (vulgo: keine Anwesenheitspflicht ), ist die neueStudienform zeitorientiert, dh. der Schein bestätigt das Aufwenden einer gewissen Stundenanzahl auf den Stoff, jedoch wird der Schein erst erteilt, wenn die Prüfung erfolgreich war, dh. sichergestellt ist, das die Zeit auch produktiv verwendet wurde. Alle Veranstaltungen sind zu Modulen gebündelt, mit akribischen Zeitplänen versehen und mit Modulabschlussprüfungen abzuschliessen, damit die Zeit via Schein in den Abschluss eingehen kann. In den Modulplänen sind die Zeiten, die auf Besuch der Vorlesung, Vor- und Nachbereitung aufzuwenden ist, genau vorgeschrieben und daraus leitet sich dann auch die Anwesenheitspflicht ab. Erfreulicherweise haben viele Unis eingeführt, dass die Pflicht zwar besteht, jedoch nicht durch Anwesenheitskontrollen geprüft wird, umgehende Unterschriftslisten sind dann dort illegal und die ASTen haben da auch ein Auge drauf.
Eine Konsequenz daraus ergibt sich auch für die Anrechnung auf andere Studienabschlüsse. Die gepriesene Anrechenbarkeit von Leistungen im BA/MA ist nicht so hoch, da Juristen festgestellt haben, das Zeit nicht doppelt verwendet werden darf. Ist ein Schein erst einmal in das definierte Zeitkontingent eines Abschluss eingegangen, so ist er für andere Abschlüsse wertlos. Einziger Hoffnungsschimmer um die erneute Klausur in „Statistik I“ und anderen Grundlagenfächern rumzukommen ist, das der zuständige Professor gegenüber dem Prüfungsamt auf den erneuten Nachweis der Leistung verzichtet. Alte Diplom/Magister/Staatsexamensscheine sind ohne Probleme anrechenbar, da sie ja nur Leistung bestätigen.

tl;dr

Alle Studienleistungen sind zu Modulen gebündelt und mit Zeitplänen versehen. Scheine sind keine Leistungs-, sondern Zeitnachweise mehr, die erst bei Bestehen der Modulprüfung ausgegeben werden. Zeit kann nicht doppel benutzt werden, wer einen BA/MA hat, für den stellt die Anrechnung von Teilleistungen auf einen weiteren Studiengang ein Problem dar. Früher war alles besser.

Fazit