Raumverteilung im Elfenbeinturm

Semesterende, für meinen Geschmack 2 Wochen zu spät. Aber vor die vorlesungsfreie Zeit hat der grosse Direktor die Klausuren gelegt.
Während in der Vorlesungszeit können Unterricht und Vorlesung, zwar eng verzahnt und auf knirsch genäht, koexistieren. Aber wenn die Klausuren nahen, stell ich jedesmal fest, dass für zusätzliches Lernen kaum noch Zeit bleibt, zumal das Leben dann noch zusätzliche Überaschungen aus der Trickkiste holt.

Und ehrlich gesagt: Ich würde mich durchaus als analytischer Mensch mit einer grossen Begeisterung für das wissenschaftliche Arbeiten beschreiben, aber im Lehramtsstudium zeigt sich der Elfenbeinturm zunehmend absurder.

Recht weit oben, mir Fenstern um die Welt da draussen zu sehen und einem kleinen Balkon, um die Luft der Realität zu schnuppern, da residieren die Wirtschaftspädagogen. Da wo andere Lehrämtler Erziehungstheorien zu 6-Jährigen hören, lauschen wir Theorien über die gesellschaftliche Bedeutung des Berufsbildungssystems. Die Menschwerdung endet nicht mit Piaget, daher ein wirklich spannendes Thema, sehr viel Verknüpfung der Therien zur Praxis, alles auf das Lehrerdasein ausgerichtet.
Die Abschlussprüfung beinhaltet ein Referat und eine Klausur, 90 Minuten. Geprüft werden ca. 200 Folien, eine höchstspannende Vorlesung und eine didaktisch beeindruckend gut gemachte Übung. Das gibt dann 4 Leistungspunkte.

Unten im Keller des Elfenbeinturms, da wo die Server stehen und kein Tageslicht hinfällt, niemand vorbeikommt und Real ein Fliesskommazahlenformat ist, da leben die Informatiker. Als die Informatikfakultät beauftragt wurde, eine Prüfungsordnung für Lehramtsstudierende zu entwerfen, haben sich die honoren Informatikprofessoren vermutlich an ihre eigene Schulzeit erinnert, nichts zum Thema Informatikunterricht gefunden und dann einfach ein Profil für „Hilfsinformatiker/Programmierer“ entworfen, also für die armen Kreaturen, bei denen es nicht zum Vollinformatiker gereicht hat sondern die ein anderes Fach dazustudieren mussten. Um diesen aber doch noch eine Chance am Arbeitsmarkt zu geben, wurde alles hineingepackt, was man für niedere Programmiererdienste so gebrauchen kann.
Bestimmt nett gemeint, aber völlig unrealistisch und am Lehramt Meilen vorbei. Die Inhalte kommen da niemals nie nicht vor, andere Veranstaltungen mit mehr Bezug zum Lehrplan sind aber ausgeschlossen.
Nicht für das Leben sondern für die Modulabschlussprüfung lernen wir…
Und zwar ca. 1800 Folien, eng beschrieben, gegen alle Powerpointregeln designed, dazu noch 300 Folien der grottenschlechten Übung. In der haben wir dazu jede Woche ca. 4h in Hausaufgaben investiert, um überhaupt zur Klausur zugelassen zu werden.
Das gibt dann 8 Leistungspunkte.

Ich verstehe mittlerweile warum bundesweit Informatiklehrer fehlen.

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Erwartungshaltungen

Boaa… laaangweilig…

Ich bekam die Mitteilung meiner Fachbereichsleitung, dass 3-4 meiner Schüler sich beschwert hätten, dass mein Unterricht langweilig sei.

Ich bin ja quasi ungelernter und daher nicht mit dem Selbstbewusstsein von Referendariat und 20 Jahren Berufserfahrung gesegnet, also machte ich das, was mir in der Situation am effektivsten erschien, ich verfiel sofort im massive Selbstzweifel.

Hab ich mir nicht genug Mühe gegeben? Sind meine Materialien zu hingehuscht, die Methoden zu eintönig? Fragt meine Selbstevaluation durch die SuS die falschen Fragen? Ist das überhaupt der richtige Job für mich?

Also hab ich erst Frau Grade und dann 2 andere Profilehrer (u.a. meine Fachbereichsleitung) über meine Materialien schauen lassen. Zu meiner echten Erleichterung fanden alle, dass das ganz hübsch aufbereitet und methodisch abwechslungsreich ist. Also eigentlich schöner Unterricht. Vielleicht meine Darbietungsform? Ich neige wirklich nicht zu monotonen Lehrervorträgen (Wie sagte mein Rhetorikausbilder? „Als Seminarleiter sind Sie echt unterhaltsam, aber versuchen sie niemals ernsthaft einen Jahresabschluss vorzustellen, das …äh… ist nicht so ihrs.„), also da wird auch nicht der Kern des Problems liegen.

Also wo ist der Haken?

Eines der Kernprobleme ist vermutlich folgendes: Die SuS haben beide Fächer als Wahlkurs das erste Mal.

In Psychologie erwarteten sie anscheinend lustiges Teetrinken mit Befindlichkeitssmalltalk, keine intensive Beschäftigungen mit Texten und Modellen von Freud und Skinner, Zimbardo und Maslow.

Und die Schüler im Wirtschaftskurs freuten sich auf anscheinend legendäre stundenfüllende Computerspielsessions mit Wirtschaftssimulationen, wie es meine Vorgängerin anscheinend gerne gemacht hat. Die übrigens in ihrer Rolle als Fachbereichsleitung wiederum die Erwartungshaltung hat, das viele der Schülerchens Wirtschaft in der Oberstufe wählen. Folglich drängt sie auf mehr Spiele, mehr Lustiges, weniger anspruchsvolles.

Vom Prinzip wollen alle das Gleiche, Edutainment statt Wissenschaft.

Problem: Das ist nicht meines. Ich will das nicht.

Als ich anfing zu studieren, war der Hörsaal voll mit Erstsemestern, die sich globale Konzerne lenken sahen, internationale Marketingkampagnen planen, Börsen zu knacken und gesichtslose Massen von Arbeitern im Produktionsprozess umherschieben, die darauf brannten die höheren Weihen des Business zu erhalten. Diese Erwartungshaltung  wurde durch Vorlesungen wie Einführung in die Makroökonomie, Grundlagen der Buchführung und Jahresabschlusslegung binnen Wochen zerkrümelt und die Reihen dünnten sich aus. Das war Buchhaltung statt CEO, Urschleim statt Global Management, das war Werkzeugkunde statt bildende Kunst. Aber es war notwendig. Und so bekommen meine SuS Grundbegriffe, Modelle, Definitionen und Sichtweisen, halt irgendwie Wissenschaft statt entspanntes Dampfplaudern oder tolle Simulationsspiele am Computer.

So IT affin ich auch bin, Computer haben eine unglaubliche Anziehungskraft auf SuS und dann wird geklickt, gedaddelt, viel über Spiele gequatscht und wenig über das Fach (war beim Hospitieren schön zu sehen). Inhaltlich kommt dazu, dass die Mechanismen in Simulationsspielen meist komplex sind und unsichtbar ablaufen, die SuS also die Simulation als Black Box wahrnehmen („Der Computer rechnet was„). Also mach ich meine spielerischen Simulationen (ja, ich mach welche!) im Klassenzimmer, klassisch mit Papier, vielleicht nicht so bunt, nicht so cool, aber dafür durchschaubar. Nur halt voll lame ohne Rechner. Auch kann ich meine langen Semester im Wissenschaftsbetrieb nicht ganz verleugnen: Ich möchte meine Schüler dazu bringen, mit mir zusammen über eine gewisses Niveauhürde zu springen, dazu gehören halt dummerweise theoretische Modelle und die Vokabeln der Wissenschaft und keine bunten Spiele, die Stunden fressen. Und grad am Anfang eines Faches gehört eine gewisse Definitionsmenge dazu, damit wir alle über das gleiche reden. Da versuch ich bunten methodischen Zuckerguss drauf zu machen, mit Gruppenarbeiten, selbstorganisiertem Lernen, eigenen Handyrecherchen, witzigen Fallstudien, aber man schmeckt das Definitorische halt leicht durch. 

Da die Uni (Ich verdamme universitäre Teamarbeit in die finsterste Niederhölle, wo dieses Konzept Studierende zusammenzuquetschen hergekommen ist) grad sehr anhänglich und aufmerksamkeitsheischend ist, bleibt mir eh grad keine Zeit bestehende Materialien jetzt individuell mehr auf Edutainment zu trimmen. Also muss ich da irgendwie durch, in der Erwartung, dass es im 2 Halbjahr besser wird, wenn wir aus der Anfangs- und Definitionsphase raus sind.

Irgendwas muss ich ja auch mal erwarten.


p.s.

Schule ist unberechenbar: 2 Tage später, 9 Klasse, die renitenteste und eigenwilligste Klasse des Jahrgangs

Das i-Kind mit den massiven sozialen Anpassungsproblemen bestätigt mir nebenbei das ich ein „voll cooler Lehrer“ bin und das Mädel, welches die ganze Zeit schlecht gelaunt mich, meine Methoden und Inhalte anzickt kritisch hinterfragt, verkündet laut, dass sie auf jeden Fall in der 10. Psychologie nehmen will. Und dann bekomme ich von ihr einen Luft-High-Five quer durch den Raum, „weil Sie das gut machen„.

Das hatte ich nicht erwartet.


p.p.s.

Mein aktuelles Fazit? Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwie in der Mitte.

Anscheinend sind die ersten Monate mit mir nicht einfach, aber dann rauft man sich doch zusammen. Ich bleibe bei meinem Anspruch, denn ich glaube an meine Schülerinnen und Schüler, das sie das können, das sie das schaffen, dass sie Wissenschaft statt Edutainment verdient haben und arbeite am Zuckerguss. Den gibt es bestimmt in noch anderen Geschmacksrichtungen.

Vorfreude ist die schönste Freude

Schulvorbereitungswoche ist durch und grade vor 10 Minuten hab ich tatsächlich meinen Stundenplan (gültig ab morgen) bekommen. Jetzt hab ich noch 12 Stunden mich irgendwie darauf vorzubereiten, dass ich ab morgen nicht nur Psychologie (da hab ich ja seit letzem Jahr alles druckfähig vorbereitet rumliegen) sondern auch Wirtschaftskurse unterrichte (was ich noch nie habe, zu denen ich kein Material und Entwürfe habe und auch grad nur begrenzt eine Idee was überhaupt gemacht werden soll). Das Leben ist so kreativ, wenn es einen stressen will.

Ansonsten ToDo:

  • 6 Wochen Schulpraktikum der Uni – Ich soll als angehender Lehrer in den restlichen Semesterferien auf den Erstkontakt mit Schülern vorbereitet werden. Liegt nur leider parallel zu meinen Unterrichtszeiten. Ich fürchte ich werd mit meinen Umplanwünschen nicht Praktikant des Jahres. Und irgendwie sollte ich auch noch mein Praktikumsthema vorbereiten.
  • Irgendwie muss ich noch die Informatik-Klausur Ende des Monats bestehen. Lernen soll ja helfen. Schlaf wird eh überbewertet.
  • Das Angebot für ein Startup Methodenworkshops für Azubis an Berufsschulen zu geben klang spannend und gut bezahlt. Natürlich hab ich unterschrieben. Schade das es jetzt genau da liegt, wo spontan der Wirtschaftsunterricht hingeplant wurde.
  • Wo war eigentlich der Anforderungszettel für die noch offene Hausarbeit?
  • Da war noch die Email von meinem letzten verbliebenen Kunden aus meiner Beraterzeit, dass ich mal vorbeikommen möge um 39123 Kleinigkeiten zu besprechen. Er ist ein netter alter Mann über 70. Er bezahlt (irgendwann). Er braucht für alles Stunden, die ich nicht habe.

Ich freu mich auf die Zeit, wenn meine Aufmerksamkeit voll auf einer Schule liegen kann. Kann man sich auf das Referendariat freuen???

Man wird sich ja nochmal wundern dürfen…

Könnten Sie…?

Na klar kann ich bei einem Wirtschaftskurs in der 11. Klausuraufsicht machen. Die SuS schreiben vor sich hin, keine besonderen Vorkommnisse.

Also nehm ich mir mal neugierigerweise die Klausuraufgabe: „Beschreiben Sie die im folgenden Artikel angesprochenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen und erläutern Sie die dargestellten Konsequenzen.“ Irgendwie so war die Aufgabe, nichts wildes, Text lesen, verstehen, weiterdenken. Dann lese ich mir den Artikel durch und bin irritiert: Es ist eine irgendwie andere Darstellung von Wirtschaftspolitik, seltsam polemisch geschrieben, mit offenen und suggestiven Frage und Konsequenzen, auf die ich als studierter 240creditpoints-Hai (mit Studienschwerpunkt Wirtschaftspolitik) so nicht kommen würde.

Ein Blich auf die Quelle: „Deutsche Wirtschafts Nachrichten„. Ahja.

Für alle denen das jetzt nichts sagt:

Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten sind der Kopp-Verlag für “irgendwas mit Wirtschaft”. Das Geschäftsmodell ist einfach erklärt: Möglichst hysterische Untergangsszenarieren an die Wand malen, damit unbedarfte Leserinnen und Leser auf allen Kanälen alle ihre Kontakte darauf hinweisen, die das wiederum anklicken (sollen) und damit wird dann mit wenig Aufwand viel Werbung verkauft. Je reißerischer, je mehr Weltuntergang und Verschwörungstheorie dabei ist, umso besser verkauft sich eine Geschichte. Das ist alles recht geschickt gemacht, nur leider ist an den Geschichten meistens nicht viel dran. Es werden Tatsachen verdreht und dass der Weltuntergang dann doch nicht kommt, geht leider in der Regel unter. Vielleicht weil in der Zwischenzeit der nächste bevorstehende Weltuntergang kommuniziert wird.

Quelle: netzpolitik.org: „Medienkompetenz für Einsteiger: Deutsche Wirtschafts Nachrichten“

Als ich dem Kurslehrer dann kurz über das Nichtvorfallen von Vorfällen berichte, frage ich beiläufig nach, wieso er diesen Artikel ausgewählt hat, immerhin sind die DWN ja „…doch nicht unumstritten…“ (ich habe mich bemüht es wertungsneutral zu formulieren).

Seine Antwort war: „Naja, also ähm, die sind so schön deutlich in ihrer Beschreibung und so können die SuS mal lernen Texte kritisch zu hinterfragen.“

Vielleicht liegt es daran, das ich kein Referendariat habe und ich maße mir daher auch nicht an, einen gestandenen Lehrer zu kritisieren… ABER: Diese Quellenwahl als Material für einen neutralen und wissenschaftlichen Wirtschaftsunterricht halte ich für doch diskussionsfähig.

Genaugenommen finde ich die kommentarlose Nutzung von verschwörungstheoretischem und neurechten Propagandamaterial als „seriöse“ Quelle in einer Klausur, bei der die SuS vertrauensvoll und unkritisch an die Quelle herangehen und für eine kritische Auseinandersetzung schon rein zeitlich keine Möglichkeit ist (sofern dieses nicht Teil der Aufgaben ist), totalen Mist.

Zukunftsplanung mit Fächerbingo

*scroll* *scroll*

Hm. Also Lehramt, Erstfach ist klar, Haifischkunde. Schon Robinson auf seiner Insel musste wirtschaften und das ist nicht besser geworden. Außerdem hab ich da nen Abschluss rumliegen. Bei Wirtschaft muss es … Berufliches Lehramt werden.
Hm.
Vielleicht nicht schlecht, 2. Staatsexamen ist 2. Staatsexamen, bei Berufsschulen haben weniger Eltern Diskussionsbedarf (Einwurf von meiner angetrauten Frau Grade) und die Unterstufe und ich sind vielleicht wirklich nicht so füreinander geschaffen (Frau Grade nickt heftig im Hintergrund).

*scroll*

Zweitfach … Psychologie…. gibt es kein Referendariat für. Mist. Gibt es ein Drittfach?

*grübel*

Aber Informatik! Immerhin hatte ich das als Wahlfach im Studium, dressiere gerne Rechner und spreche fliessend Nerd.

Also Wirtschaft und Informatik an der Berufsschule (und Psychologie als Drittfach!). Ich fürchte, es wird symptomatisch für mich, das ich das Dritt- vor dem Zweitfach habe.

Bleibt nur noch rauszufinden, wie ich da rein komme.